GCJZ Fulda - Konzert in der Aula

Grandiose Musiker - vergessene Werke der Spätromantik

Das Kammerensemble Franziska Früh gastierte mit Werken der Spätromantik in Fulda.
Fotos: Jutta Hamberger

04.05.2026 / FULDA - Am Sonntagnachmittag gab es in Fulda ein großartiges klassisches Line-up - beim Maikonzert im Programm der Fuldaer Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit GCJZ. Das Kammerensemble Franziska Früh spielte vergessene Werke jüdischer Komponisten der Spätromantik. Es war meisterlich, es war atemberaubend, es ging viel zu schnell vorbei.


Kammermusik vom Feinsten

Musiker und Programm versprachen allerhöchste Qualität – und übertrafen das ab der ersten Note. Franziska Früh und Veronika Kuen (Violine), Christof Kuen (Viola), Katja Kuen (Violoncello) und Ulrich Schreiner (Kontrabass) sind Meister ihres Fachs und spielen normalerweise bei den Düsseldorfer und Bamberger Symphonikern oder der Deutschen Radiophilharmonie Saarbrücken-Kaiserslautern. Sie finden sich projektbezogen für Kammermusik zusammen, dass sie dies nicht dauernd tun, konnte man kaum glauben. Denn der fein abgestimmte Klang der fünf Musiker:innen, ihr Aufeinandereinhören und das akzentuierte Zusammenspiel – das war einfach ein Hochgenuss.

Auf dem Programm standen zwei Quintette jüdischer Komponisten, die zu ihrer Zeit nicht nur in Deutschland, sondern europaweit bekannt und erfolgreich waren. Der Epochenbruch von 1933 tilgte ihre Namen aus Bibliotheken, Konzerten und unserem Gedächtnis. Christof Kuen führte kenntnisreich in die Werke ein, denn über Goldmark und Gernsheim dürften die wenigsten Zuhörer:innen viel wissen.

Karl Goldmark – letzter Repräsentant des "alten Europa"

Zumindest ein Werk Goldmarks widerstand der Auslöschung durch die Nationalsozialisten – galt es doch mit dem Violinkonzert Max Bruchs als typisches Beispiel des romantischen Violinkonzerts. Aber sonst? Dass Goldmark (1830-1915) einer der größten Musikdramatiker war, seine Oper "Die Königin von Saba" sogar an der Met in New York gespielt wurde – vergessen. Goldmark galt als europäische Berühmtheit, erhielt zahlreiche Auszeichnungen, war mit Johannes Brahms befreundet und zählte Jean Sibelius zu seinen Schülern.

Goldmark wuchs als in einer kinderreichen jüdischen Familie und in eher ärmlichen Verhältnissen auf, im Ghetto von Deutschkreuz (Ungarn). Früh zeigte sich sein musikalisches Talent – er ging nach Wien. Dort bestritt er seinen Lebensunterhalt zunächst als Klavierlehrer, leitete den jüdischen Männerchor "Zion" und arbeitete als Musikkritiker. Als Goldmark 1863 ein Stipendium vom Staat bekam, konnte er sich endlich aufs Komponieren konzentrieren – und wurde schnell zu einem bedeutenden Teil der Wiener Musikszene.

In Fulda erklang sein Quintett in a-moll op. 9 (1862), das Goldmark Ferenc (Franz) Erkel gewidmet hatte, dem Komponisten der ungarischen Nationalhymne. Das viersätzige Werk mit seinem dramatischen Kopfsatz, dem fast kontemplativen Andante – bei dem man unwillkürlich an Mendelssohn-Bartholdy und Beethoven denken muss, dem lebhaften Scherzo und dem fast opernhaften Finalsatz nimmt vom ersten bis zum letzten Ton gefangen.

Friedrich Gernsheim – reife Meisterschaft

Nach einer kurzen Pause erklang dann Friedrich Gernsheims (1839-1916) Quintett Nr. 2 in Es-Dur op. 89 (1916). Gernsheim war Kind einer angesehenen jüdischen Familie in Worms und erhielt seine erste musikalische Erziehung durch seine Mutter und galt als Wunderkind.

Gernsheim stand Bruch nahe, war mit Brahms befreundet, sein Werk wurde von Gustav Mahler und Richard Strauss dirigiert, er war Max Bruchs Nachfolger an der Spitze der Berliner Akademie und lehrte am Stern'schen Konservatorium. Kleine Anekdote am Rande: Im Kopfsatz seiner Violinsonate Nr. 2 in C-Dur op. 50 gibt es Passagen, die stark an die berühmte Winnetou-Melodie erinnern. Nein, Martin Böttcher hat sie nicht geklaut. Das konnte er gar nicht – denn Gernsheim war von den Nationalsozialisten sehr gründlich aus dem Musikbetrieb entfernt worden.

Das Quintett – entstanden in seinem Todesjahr – wurde zwar noch zu Gernsheims Lebzeiten aufgeführt, aber erst im Jahr 2002 gedruckt. Die vier Sätze des gut halbstündigen Werks sind geradezu überbordend an Ideen, besonders berührend der langsame dritte Satz (ein Adagio). Mit langanhaltendem Beifall bedankte sich das Publikum bei diesem wunderbaren Ensemble – es war ein Konzert, das sicher noch lange nachhallen wird. Gerfried Schindler brachte es auf den Punkt: "Das war eine Sternstunde". (mis/pm) +++

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