Landwirtschaft neu gedacht

"Am Anfang belächelt": Kartoffelhof trotzt auf 450 Metern allen Widerständen

Nick Schneider weiß: "Am Anfang wurden wir belächelt". Heute ein echtes Erfolgsmodell in Wippershain
O|N / Marvin Myketin

07.05.2026 / SCHENKLENGSFELD - Auf über 450 Metern Höhe, im beschaulichen Wippershain (Landkreis Hersfeld-Rotenburg), liegt der Kartoffelhof Schneider. Was heute wie ein etablierter Familienbetrieb in der Gemeinde Schenklengsfeld wirkt, begann einst als mutiges Experiment. Denn hier, wo das Klima rauer ist und selbst im Frühjahr noch Schnee fallen kann, wagte die Familie einen Schritt, den einige zunächst kritisch sahen.



Die Wurzeln des Hofes reichen tief in die Familiengeschichte zurück. "Der Hof gehört ursprünglich der Familie meiner Frau - ihre Großeltern hatten die Landwirtschaft irgendwann aufgegeben", erklärt Nick Schneider im Gespräch mit OSTHESSEN|NEWS. Doch Anfang der 2000er Jahre veränderte sich der Markt spürbar. Immer mehr kleine Betriebe stellten den Kartoffelanbau ein, während die Nachfrage gleichzeitig wuchs. "Es gab plötzlich wieder deutlich mehr Nachfrage nach Kartoffeln, weil viele ältere Landwirte aufgehört haben und die jüngere Generation das nicht weitergeführt hat", erklärt Schneider. Für ihn und seine Familie war das der entscheidende Impuls, die Landwirtschaft wieder aufleben zu lassen.

Heute mehrere Fußballfelder voller Kartoffeln

Was zunächst mit wenigen Reihen begann, entwickelte sich Schritt für Schritt zu einem ernstzunehmenden Betrieb. Aus kleinen Anbauflächen wurden größere Felder, aus einem Versuch ein klares Konzept. "Wir haben damals klein angefangen - ein paar Reihen, dann ein Feld und irgendwann wurden daraus mehrere Felder", sagt Schneider. Heute bewirtschaftet der Hof eine Fläche, die er selbst gerne in Fußballfeldern misst: "Mittlerweile sind das neun bis zehn Fußballfelder voller Kartoffeln."

Besonders bemerkenswert ist dabei die Spezialisierung auf Frühkartoffeln - und das in einer Höhenlage, die dafür eigentlich als schwierig gilt. "Als wir damit angefangen haben, wurden wir ehrlich gesagt erst einmal belächelt", erinnert sich Schneider. Doch die Familie blieb dran, investierte Zeit, Geld und viel Handarbeit. Die Kartoffeln werden vorgekeimt, per Hand in die Maschine eingelegt und anschließend mit Folie abgedeckt, um Wärme zu speichern und Frostschäden zu vermeiden. Der Aufwand zahlt sich aus: "So schaffen wir es heute, oft schon Ende Mai oder Anfang Juni die ersten Frühkartoffeln zu ernten - das ist hier in der Region eher ungewöhnlich."

Anspruchsvolle Bedingungen in Höhenlage

Die Bedingungen bleiben dennoch anspruchsvoll. Spätfröste oder plötzlicher Schneefall können die Arbeit schnell zunichte machen "Gerade hier oben kann es im Frühjahr jederzeit nochmal richtig kalt werden oder sogar schneien - das ist immer ein Risiko", sagt Schneider auf über 450 Metern Höhe. Trotzdem hat sich der Betrieb stabil entwickelt und setzt inzwischen auf eine breite Palette an Produkten.

Neben Kartoffeln spielt Gemüse eine immer größere Rolle. Salate, Kohl, Karotten, Kräuter oder Tomaten aus den eigenen Gewächshäusern ergänzen das Angebot. "Seit wir verstärkt Gemüse anbauen, haben wir deutlich mehr Kunden - vor allem auch jüngere Leute, die gezielt nach frischen Produkten suchen", berichtet Schneider. Auch Spargel gehört inzwischen dazu, ebenso wie experimentelle Kulturen. "Letztes Jahr haben wir erstmals Wassermelonen angebaut - das kam bei unseren Kunden überraschend gut an."

Neue Erntemaschine im Einsatz

Um die körperlich anstrengende Spargelernte effizienter zu gestalten, setzt der Kartoffelhof Schneider zunehmend auf moderne Technik. Gerade beim weißen Spargel ist die Arbeit traditionell mühsam: Folien müssen angehoben, Reihen freigelegt und die Stangen per Hand gestochen werden – oft bei hohen Temperaturen und über viele Stunden hinweg. Um diese Belastung zu reduzieren, investierte der Betrieb in eine neue Erntemaschine, die den Ablauf deutlich erleichtert.

Die Technik basiert auf einem weiterentwickelten System, das ursprünglich für den Grünspargel konzipiert wurde. Für den Einsatz in Wippershain wurde es angepasst, sodass auch der weiße Spargel effizient geerntet werden kann. Während die Maschine langsam über die Dämme fährt, können die Arbeiter im Sitzen arbeiten und die Spargelstangen direkt ernten. Das spart nicht nur Kraft, sondern auch wertvolle Zeit. "Mit der neuen Maschine bin ich bei der Ernte ungefähr doppelt so schnell", erklärt Nick Schneider.

Die Investition war allerdings kein kleiner Schritt. Über 10.000 Euro kostete die Maschine – eine Summe, die für einen vergleichsweise kleinen Betrieb gut überlegt sein will. Doch aus Sicht der Familie hat sich dieser Schritt ausgezahlt.

"Chef ist ganz klar meine Frau"

Im Kern bleibt der Kartoffelhof Schneider jedoch ein klassischer Familienbetrieb. "Chef ist ganz klar meine Frau", sagt Schneider mit einem Lächeln. Gemeinsam mit den Schwiegereltern und zunehmend auch mit der nächsten Generation wird hier gearbeitet und geplant. Die Philosophie ist dabei bewusst bodenständig: "Wir wollen kein Großbetrieb sein - uns ist wichtig, klein zu bleiben, nah am Kunden und alles direkt zu vermarkten."

So zeigt der Hof in Wippershain eindrucksvoll, dass auch unter schwierigen Bedingungen erfolgreiche Landwirtschaft möglich ist - wenn man bereit ist, neue Wege zu gehen und an seine Ideen zu glauben. (Constantin von Butler) +++

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