Osthessens kontroversester Kriminalfall

Schwestern getötet: Wird der Mordfall "Weimar" nach 40 Jahren neu aufgerollt?

Monika Weimar im Interview.
Archivbild: O|N / Martin Angelstein

08.04.2026 / PHILIPPSTHAL (W.) - Fast 40 Jahre nach einem der aufsehenerregendsten Mordfälle Deutschlands könnte die Justiz den Fall "Weimar" noch einmal aufrollen. Ein Wiederaufnahmeantrag ist gestellt - und wirft alte Fragen neu auf.



Im August 1986 verschwinden im osthessischen Philippsthal (Landkreis Hersfeld-Rotenburg) die Schwestern Melanie (7) und Karola (5). Wenige Tage später werden ihre Leichen auf Parkplätzen gefunden - die Kinder wurden erstickt oder erwürgt. Schnell gerät die Mutter, Monika Weimar, in den Fokus der Ermittler. Nach jahrelangen Prozessen mit widersprüchlichen Aussagen und Wendungen wird sie 1999 wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Bis heute gibt es Zweifel am Urteil.

Neue Bewegung nach Jahrzehnten

Fast vier Jahrzehnte nach der Tat steht der Fall nun erneut im Fokus der Justiz. Das Landgericht Darmstadt bestätigte auf OSTHESSEN|NEWS-Anfrage den Eingang eines Wiederaufnahmeantrags. Mehr will man dort zunächst nicht sagen – weder zu Erfolgsaussichten noch zu möglichen neuen Erkenntnissen. Auch ein Zeitpunkt für eine Entscheidung, ob der Fall neu verhandelt wird, ist derzeit völlig offen: "Es lässt sich nicht seriös prognostizieren, wann eine Entscheidung in der Sache getroffen werden wird", so der Pressesprecher des Landgerichts Darmstadt.

Hinter dem Antrag steht der bekannte Strafverteidiger Gerhard Strate. Sein Ziel ist brisant: Das Urteil von 1999 soll aufgehoben werden. Mit dem Wiederaufnahmeantrag vom 17. März 2026 verfolgt er die Absicht, das rechtskräftige Urteil aus dem Jahr 1999 aufheben zu lassen und einen Freispruch für seine Mandantin zu erreichen. In einem auf seiner Internetseite veröffentlichten Schreiben betont er, dass dieser Schritt dem "ausdrücklichen Wunsch" seiner Mandantin entspreche.

Prozessmarathon mit dramatischen Wendungen

Der Mordfall "Weimar" entwickelte sich zu einem der aufsehenerregendsten Indizienverfahren der deutschen Rechtsgeschichte. Bereits 1988 wurde die Mutter erstmals zu lebenslanger Haft verurteilt, doch Jahre später wurde das Verfahren wieder aufgerollt. 1997 folgte ein spektakulärer Freispruch, der jedoch keinen Bestand hatte. Am Ende stand 1999 erneut eine lebenslange Verurteilung, die der Bundesgerichtshof im Jahr 2000 bestätigte. 2006 wurde Monika Weimar nach 15 Jahren Haft entlassen - möglich, weil keine besondere Schwere der Schuld festgestellt worden war.

Die Zweifel am Fall bestehen jedoch bis heute. Im Verdacht standen damals auch immer wieder der Vater der Mädchen, sowie der Schwager von Monika Weimar, Raymond E. - der damalige Mann ihrer Schwester Brigitte. Denn einige Jahre später stellte sich heraus, dass dieser in den USA wegen sexuellen Missbrauchs von zwei Mädchen zu 16 Jahren Haft verurteilt wurde. Wie Strate mitteilt, stützt sich sein Antrag unter anderem auf Zeichnungen, die die beiden getöteten Mädchen Karola und Melanie kurz vor ihrem Tod angefertigt haben sollen und die nach seiner Interpretation auf den eigentlichen Täter hinweisen: Raymond E.

Entscheidet sich jetzt alles neu?

Mit dem Wiederaufnahmeantrag beginnt nun möglicherweise ein neuer juristischer Kraftakt. Die Hürden sind hoch: Nur wenn neue Beweise oder gravierende Zweifel am damaligen Urteil vorliegen, kann ein Verfahren wieder aufgenommen werden. Ob das hier der Fall ist, bleibt unklar. Das Gericht betont: "Die Frage danach, wie realistisch es ist, dass ein rechtskräftiges Urteil nach fast 40 Jahren noch aufgehoben wird, lässt sich nicht allgemein beantworten; es kommt immer auf die Umstände des Einzelfalls an."

Eines ist jedoch klar: Der Fall "Weimar" ist bis heute ein Synonym für juristische Grenzfragen. Fast 40 Jahre nach dem Tod der beiden Kinder könnte sich nun entscheiden, ob eines der bekanntesten Kriminalverfahren Deutschlands noch einmal neu verhandelt wird - oder ob es beim bisherigen Urteil bleibt. (Emely Schrön) +++

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