Nach jahrelangen Planungen

"Saatgut leihen, Vielfalt ernten": Pilotprojekt in Bibliotheken

Etwas im heimischen Garten anpflanzen, dabei Neues lernen und zugleich auch noch die Artenvielfalt unterstützen – in diesem Sinne startet in Fulda ein neues Pilotprojekt rund um die Ausleihe von Saatgut.
Fotos: Marvin Hucke

20.02.2026 / FULDA - Etwas im heimischen Garten anpflanzen, dabei Neues lernen und zugleich auch noch die Artenvielfalt unterstützen – in diesem Sinne startet in Fulda ein neues Pilotprojekt rund um die Ausleihe von Saatgut. Ja, richtig - Saatgut ausleihen! Wie das funktionieren soll?



Bürger können künftig Saatgut in teilnehmenden Bibliotheken ausleihen, zu Hause anbauen, einen Teil ernten und am Ende neues Saatgut wieder zurückgeben. Unterstützt wird das Vorhaben vom Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (VEN), in Kooperation mit dem Umweltzentrum Fulda.

"Nach jahrelangen Planungen ist das Projekt endlich in die finale Phase übergegangen", sagt Dr. Alessandra Sorbello Staub, Leiterin der Bibliothek des bischöflichen Priesterseminars. Zum Start stehen fünf Saatgut-Varianten bereit – als niedrigschwelliger Einstieg, der Lust machen soll, sich mit Kulturpflanzen und ihren individuellen Besonderheiten zu beschäftigen.

Bildung, Praxis – und ein Stück verlorenes Wissen zurückholen

Für Stefanie Fuß von der Bücherfachstelle ist das Projekt vor allem eines: "Ein interessantes Projekt, das es so bei uns noch nicht gab. Gleich vier Büchereien machen mit – das wollen wir künftig noch weiter in die Breite tragen." Es gehe darum, Interesse zu wecken und zu sehen, wie gut das Angebot angenommen wird.

In den Gesprächen mit OSTHESSEN|NEWS wurde dabei immer wieder der Bildungsauftrag betont: In unserer modernen Welt sei ein Stück weit verloren gegangen, "wo eigentlich das Essen am Tisch ursprünglich herkommt".

So funktioniert’s: Ausleihen, anbauen, Samen ernten, zurückgeben

Das Konzept ist bewusst einfach gehalten: Saatgut wird ausgeliehen, ausgesät und gepflegt – und später werden ausgereifte Samen geerntet, getrocknet und in vorbereitete Tütchen gefüllt, bevor sie wieder in der Bibliothek abgegeben werden. Praktischer Tipp aus dem Projekt: Schon im Februar kann auf der Fensterbank die Aussaat beginnen. Wer mitmacht, braucht vor allem Neugier – und idealerweise ein gemütliches, freies Plätzchen im Garten, ein Hochbeet oder im Zweifel einen Topf.

Vielfalt, Unabhängigkeit, Lebensmittelsicherheit

Das Umweltzentrum sieht in der Saatgut-Ausleihe mehr als nur ein Hobbyangebot für die Grünen Daumen von Morgen. Im Mittelpunkt stehen Sortenvielfalt, Artenvielfalt und Lebensmittelsicherheit. "Wir stellen uns gut für die Zukunft auf und laden die Bürger ein, sich damit auseinanderzusetzen", lautet der Tenor aus dem Umfeld des Umweltzentrums.

Aber das Projekt erhält auch an anderer Stelle noch eine ganz besondere Relevanz: Unabhängigkeit von externen Saatgutlieferanten. Gerade Hybridsaatgut könne Abhängigkeiten verstärken, warnt Christine Waider vom Umweltzentrum: "Hybrides Saatgut stellt eine Gefahr für unsere Landwirtschaft und damit auch für unsere Lebensmittelversorgung dar. Die Früchte, die aus hybridem Saatgut hervorgehen, können selbst kein neues Saatgut erzeugen. Werden also externe Lieferungen eingestellt, stehen wir nach einer Ernteperiode plötzlich ohne Saatgut da."

"Wenn du einen Garten hast und eine Bücherei, wird es dir an nichts fehlen"

Rieke Trittin vom Umweltzentrum beschreibt den Charme des Projekts als "Mix aus Neugier, etwas selber zu machen" – und als Verbindung von zwei Welten: "Das Lesen und das Gärtnern – beides ist mit Fantasie verbunden." Für die Biologin Dr. Beatrice van Saan-Klein geht es demgegenüber um das große Ganze: "Bewusstsein für die Zusammenhänge der Natur – und für die Wunder der Schöpfung."

Mitmachen ausdrücklich erwünscht

Die Initiatorinnen hoffen nun auf eine rege Teilnahme - wer gleich loslegen möchte, kann sich bei den folgenden Bibliotheken/Büchereien informieren:
Als Saatgut zur Auswahl stehen: Tomaten, Erbsen, Bohnen, Salat sowie die eher unbekannte 'Gartenmelde'.
(Marvin Hucke) +++

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