Point Alpha feiert Tag der Deutschen Einheit

Familien durch Stacheldraht getrennt: So erlebten Zeitzeugen die Wende

Am Donnerstag feiert die Point Alpha Stiftung 35 Jahre Tag der Deutschen Einheit. Der hessische Ministerpräsident Boris Rhein erzählt über seine persönlichen Erinnerungen aus der Wendezeit.
Fotos: Carina Jirsch

03.10.2025 / RASDORF (RHÖN) - Eine schier unüberwindbare Grenze zog sich quer durch Deutschland: Stacheldraht trennte zahlreiche Familien und Freunde. Jetzt, 35 Jahre später, feiern wir den Tag der Deutschen Einheit – unsere Wiedervereinigung.



Am Donnerstagnachmittag feiert die Point Alpha Stiftung in Rasdorf (Landkreis Fulda) ein Doppeljubiläum. So hebt Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) hervor: "35 Jahre Deutsche Einheit und 30 Jahre Point Alpha erinnern uns daran: Freiheit braucht Mut und Haltung. Am Point Alpha, am heißesten Punkt im Kalten Krieg, verlief jahrzehntelang die Grenze. Eine Grenze zwischen Demokratie und Diktatur." Mit einer Kranzniederlegung vor dem offiziellen Beginn erinnert die Stiftung an die Opfer der deutschen Teilung. Die US-Vertreter der US-Army Europa und Afrika mussten die Teilnahme wegen der Haushaltssperre in den USA leider absagen.

"Es wurde nicht gezögert, sondern gehandelt"

Dr. Stefan Heck, Vorsitzender der Point Alpha Stiftung, betont in seiner Rede die Bedeutung der deutschen Einheit und mahnt zur Erinnerung an die Verdienste der friedlichen Revolution: "Was damals ein Wunder war, wirkt heute im Rückblick für viele wie eine Selbstverständlichkeit." Er ruft dazu auf, den damaligen Zusammenhalt neu zu beleben, um aktuellen Herausforderungen zu begegnen: "Nur wenn Deutschland und Europa geeint auftreten, können wir glaubhaft mit Stärke den Feinden der Freiheit entgegentreten."

Auch Benedikt Stock, geschäftsführender Vorstand der Stiftung, kritisiert die heutige politische Zurückhaltung und wünscht sich mehr Mut zur Veränderung: "Die Politik beschäftigt sich lieber mit Kleinkram und Nebensächlichkeiten, statt große und dringend notwendige Reformen anzupacken. Damals wurde nicht gezögert, sondern gehandelt. Das fehlt uns manchmal." Die Stiftung sieht ihre Aufgabe darin, die Erinnerung an die Wiedervereinigung wachzuhalten und jungen Generationen die Bedeutung von Freiheit und Demokratie zu vermitteln: "Zum einen der Mut, der an vielen Stellen die Wiedervereinigung bereitete und den wir heute dringend wieder brauchen. Zum anderen aber auch das, was wir niemals mehr haben wollen."

So erlebte Ministerpräsident Rhein die Wende

"Freiheit ist nicht selbstverständlich – das ist an kaum einem anderen Ort spürbar", mit diesen Worten eröffnet der hessische Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) seine Rede. "Vor noch einiger Zeit existierte eine Grenze zwischen Demokratie und Diktatur, aber vor allem zwischen Familien und Freunden." Und genau in dieser Erinnerung liegt die Bedeutung der Point Alpha Stiftung. "Dieser Ort ist das Symbol für das Überwinden der Grenzen und den Mut der Menschen. Hier wird Geschichte sichtbar und spürbar. Point Alpha ist aber nicht nur ein Ort der Geschichte, sondern mahnt uns auch zur Verantwortung der Gegenwart und Zukunft." So kann man laut des Ministerpräsidenten einiges aus dem Geschehenen lernen: "Freiheit braucht Mut, Haltung und Verantwortung für die Würde."

Mit folgenden Worten richtet er sich an Rainer Eppelmann, einem Zeitzeugen, der an der Feier über seine Erlebnisse spricht: "Menschen wie Sie, Herr Eppelmann, die trotz aller Gefahren, für Demokratie und Menschenrechte aufgestanden sind, sind bewundernswert." Doch auch Rhein selbst teilt persönliche Erinnerung an die Zeit der Wende. So sagt er gegenüber O|N: "Ich war damals schon politisch aktiv und die Wende war ein ganz bewegender Moment für mich, der mich weiter politisch motivierte. Mir wurde gezeigt, dass man mit Politik viel Gutes bewirken kann." Er selbst ist im Westen aufgewachsen und war zum Zeitpunkt der Wende 18 Jahre alt. "Wir hatten auch keine Bekannten im Osten, deshalb war es für mich etwas ganz Besonderes, als ich zum ersten Mal durch das Brandenburger Tor gegangen bin. Es hat mich wahnsinnig beeindruckt, einfach dort entlanglaufen zu können, nachdem ich als Schüler einen Wechsel von einem ins andere Land erlebt habe. Für mich ist es auch heute noch ein besonderer Moment, durch Berlin zu gehen und zu sehen, wo die Mauer gewesen ist." Ein Moment voller Nostalgie: "Man denkt gar nicht mehr daran, dass man mit einem einzigen Schritt eine Grenze überwindet, die als unüberwindbar galt."

Katja Wolf (BSW), stellvertretende Ministerpräsidentin und Finanzministerin aus Thüringen, erlebte damals genau das, was tausende Menschen quälte: "Meine Familie wurde durch einen Zaun gespalten. Mit dem Gefühl, den Liebsten so nah und doch so fern zu sein, bin ich aufgewachsen." Trotz des feierlichen Anlasses ist für sie die Grenze zwischen Ost und West in gewissen Lebensbereichen weiterhin spürbar. "Es gehört dazu, dass wir uns gegenseitig zuhören und mit einem westdeutschen Narrativ aufhören. Wir sind ein wiedervereintes Deutschland, der Osten ist nicht plötzlich dazugekommen. Wir wollen in der Kultur beachtet werden." Um daran zu erinnern, stellt Point Alpha auch für sie einen entscheidenden Ort dar. "Hier werden Erlebnisse und Gedanken festgehalten, die nicht in Vergessenheit geraten dürfen."

"Die Angst hatte die Seiten gewechselt"

Rainer Eppelmann, Minister a.D., Vorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur liefert allen Gästen einen detaillierten Einblick in das damalige Leben in der DDR - in sein ehemaliges Leben. "Wir können mitfühlen, wie es ist, in einer Diktatur zu leben. Westdeutschland wurde zur Demokratie und die andere Seite? Sie wurde von einem Mörder - Josef Stalin." So ist klar: Die Menschen in den beiden Teilen lebten 45 Jahre lang in komplett unterschiedlichen Verhältnissen. Besonders prägend war folgendes: "Ich erinnere mich an eine Zeit um die 60. Immer mehr Leute wollten die DDR verlassen. Kurz darauf folgte die Berliner Mauer, angeblich als antifaschistischer Schutzwall. Es hieß, die DDR müsse geschützt werden." Manipulation und das Verdrehen der Tatsachen, um die Bürger in Schach zu halten, war also Teil des Alltags.

Die unterdrückende Lage spitzte sich immer weiter zu, bis sich Eppelmann schließlich fragte: "Wo können wir überhaupt noch frei unterhalten?" Doch die Zeit des Umbruchs kam. Seit Monaten protestierten die DDR-Bürger gegen die Regelungen, forderten Veränderungen oder verließen das Land. "Am 4. November 1989 trauten wir uns zum ersten Mal eine Demonstration offiziell anzumelden. Die Situation war inzwischen so weit, dass die anderen Angst hatten, uns abzusagen – die Angst hatte die Seiten gewechselt." Am 9. November galt während eine neue Reiseregelung als "sofort". Tausende DDR-Bürger strömten zu den Grenzübergängen und "die Grenztruppen mussten sie durchlassen. Das Ende der DDR war gekommen."

Hierdurch wird deutlich: Eppelmann lebte in einer Zeit voller Angst und Unterdrückung, war aber auch Teil einer Bewegung, sich mutig und gewaltfrei, für ihre Freiheit einsetzte. "Die deutsche Einheit war geborgen", resümiert er. Nur eine von vielen persönlichen Geschichten rund um die Wiedervereinigung. Schauen Sie unser O|N-Video für weitere Erinnerung von Zeitzeugen und erinnern Sie sich an Ihr Privileg: Freiheit ist nicht selbstverständlich. (Mia Schmitt) +++

X