Zehn Jahre Gartenhaus
Wie ein mutiges Wohnprojekt Nachbarschaft neu denkt
Foto: Roman Herget
31.07.2025 / FULDA -
Das Modellprojekt Gartenhaus der Bürgerstiftung "Antonius: gemeinsam Mensch" feiert Jubiläum. Nun erzählen die Bewohnerinnen und Bewohner, wie aus Nachbarn echte Gemeinschaft wurde – und warum sie sich ihr Leben anders nicht mehr vorstellen können.
Es ist ein warmer Sommerabend, und im Quartiersgarten von Antonius stellen die Nachbarinnen und Nachbarn des ersten Gartenhauses gerade die Bierbänke so zusammen, damit alle an einem großen Holztisch Platz haben. Sie treffen sich – wie jeden Monat – zum Stammtisch. Heute wird Bratwurst gegessen, Limonade getrunken und an die vergangenen zehn Jahre zurückgedacht.
Unter einem Dach - nicht nebeneinander, sondern miteinander
Marie ist eine von vier Bewohnerinnen und Bewohnern, die von Anfang an im ersten Gartenhaus leben. Auch Joshua Lippert, Lea Hörl und Razaq Ariai sind seit zehn Jahren Teil dieser Hausgemeinschaft, in der Menschen mit und ohne Behinderung unter einem Dach wohnen – nicht nebeneinander, sondern miteinander.Ein mutiger Schritt – und ein neues Zuhause
"Hier haben wir beides: unsere Privatsphäre – und echte Nachbarschaft", sagt Razaq, Abteilungsleiter bei Antonius. Er hat die Anfänge des Projekts miterlebt – mit all ihren Unsicherheiten. "Ich habe mich schon gefragt: Ist das die richtige Entscheidung? Immer wieder hat jemand angeklopft und Hilfe gebraucht", erzählt er am Stammtisch. "Aber mit der Zeit wurde es weniger – und ich habe gemerkt: Man kriegt auch etwas zurück. Wir helfen uns gegenseitig. Die Anonymität, die man aus Großstädten kennt, die gibt es bei uns nicht. Und das ist gut so."
"Wir haben alle eingeladen, jeder hat was mitgebracht"
Heute wohnen elf Menschen im Gartenhaus. Ganz frisch dazugekommen sind Fethi und Rehab Bouhariz, ein junges Paar, das vor drei Monaten eingezogen ist. Beide kamen durch das Projekt WeltRaum Frauenberg nach Deutschland, leisteten ihren Freiwilligendienst bei Antonius und absolvieren inzwischen eine Ausbildung. Kürzlich haben sie geheiratet – gefeiert wurde natürlich mit den Nachbarn. "Wir haben alle eingeladen, jeder hat was mitgebracht", erzählt Fethi und ergänzt: "Ich kriege hier Hilfe, wenn ich etwas brauche – das ist ein gutes Gefühl."Neben regelmäßigen Stammtischen organisieren die Bewohnerinnen und Bewohner auch spontane Treffen, vernetzen sich über eine WhatsApp-Gruppe – und lassen einfach mal die Tür offen, wie Lea. "Das finde ich genial", kommentiert Razaq diese Gewohnheit seiner Nachbarin. Für sie war der Einzug in das Gartenhaus ein mutiger Schritt. "Früher war ich im Betreuten Wohnen – das hier ist ganz anders", findet Lea. "Am Anfang war es schwierig, aber ich bin selbstständiger geworden. Ich bin stolz, dass ich das geschafft habe." Leas Erfahrung passt zum sogenannten Fuldaer Weg, den Antonius verfolgt (siehe Infokasten).
In ihrer Freizeit fotografiert Lea – am liebsten die Kälber, mit denen sie auf dem Antonius Hof arbeitet – und hört Musik. Kürzlich war sie beim Konzert von Johannes Oerding auf dem Domplatz, erzählt sie den anderen begeistert und zeigt Fotos, die sie dabei geknipst hat.
Das erste Gartenhaus von vielen: Ein Konzept mit Zukunft
Inzwischen entstehen auf dem Gelände vier weitere Gartenhäuser mit insgesamt 29 Wohnungen. Die Nachfrage ist groß – das Konzept spricht sich herum. Doch nicht nur das Interesse wächst, sondern auch die Hoffnungen der ersten Bewohner.Zehn Jahre sind vergangen, seit die ersten Menschen in das Gartenhaus einzogen – mit ganz unterschiedlichen Hintergründen, Geschichten und Erwartungen. Was sie verbindet, ist der Mut, sich auf etwas Neues einzulassen. Und der Wille, einander nicht nur zu begegnen, sondern wirklich zusammenzuleben.
Möchten Sie mehr über die Gartenhäuser oder das Konzept erfahren? Für Informationen zum solidarischen Wohnmodell wenden Sie sich an Cathrin Werner (0661-1097-407) oder per E-Mail-Adresse an kontakt@projekt-gartenhaus.de. (mmb/pm) +++