"Ich wusste ihm nicht zu helfen"

Schrecksituation: "Orientierungsloser Mann" stürzt bei Minusgraden ins Wasser

Der Bahnübergang in Gemünden-Ehringshausen, wo der Mann sich am Donnerstagmorgen aufhielt.
Fotos: privat

24.01.2023 / GEMÜNDEN (FELDA) - "Mir sitzt der Schock noch in den Knochen", meldet sich ein OSTHESSEN|NEWS-Leser am vergangenen Donnerstagmorgen bei uns. Auf dem Weg zur Arbeit sei plötzlich ein orientierungsloser Mann in völliger Dunkelheit vor seinem Auto gestanden - leicht bekleidet sei er dann sogar über Bahngleise gelaufen und verletzt im Wassergraben gelandet.

Donnerstagmorgen, 6:30 Uhr in Gemünden-Ehringshausen (Vogelsbergkreis): Ein 30-jähriger O|N-Leser ist gerade zur Arbeit aufgebrochen, als ihm in Höhe des Bahnübergangs ein Mann begegnet. Klingt erst einmal nicht ungewöhnlich, doch die Situation ist bestürzend. Denn der unbekannte Mann war laut dem Zeuge nur mit einer kurzen Hose und einem T-Shirt bekleidet gewesen, sei sternförmig über die Wiese und über die Bahngleise gelaufen. "Und das bei minus drei Grad."

"Ich wusste dem Mann nicht zu helfen"

Auf den Bahngleisen sei er dann gestützt, dabei habe er sich verletzt. "Ich bin ausgestiegen und habe nach ihm gerufen, gefragt, ober er Hilfe braucht. Doch er hat nicht reagiert", erinnert sich der 30-Jährige im O|N-Gespräch. Dann sei er aufgestanden - und nur wenige Zeit später in einen Graben voller Wasser gefallen. "Er stand bis zur Hüfte im Wasser - und das leicht bekleidet und bei dieser Kälte. Dann ist er in der Dunkelheit verschwunden. Ich wusste dem Mann nicht zu helfen."

Daraufhin habe er die Polizei verständigt. "Ich hoffe, dass sie jetzt nach ihm suchen. Er war nicht Herr seiner Sinne, hat auf meine Rufe überhaupt nicht reagiert."

Mann aktuell in kritischem Zustand

Auf O|N-Nachfrage bestätigt das Polizeipräsidium Osthessen am Montag den Einsatz, der am Donnerstagmorgen im 700-Einwohner-Ort Ehringshausen lief. Der Mann konnte laut Polizeiaussagen schlussendlich an einer Scheune wenige Meter unterhalb des Bahnübergangs verletzt, bewusstlos und stark unterkühlt aufgefunden werden. "Er ist aktuell im Krankenhaus - in einem kritischen Zustand", heißt es vonseiten des Polizeipräsidiums.

Warum der Mann polnischer Herkunft in diesem Zustand bei Minusgraden unterwegs gewesen ist, konnte noch nicht ermittelt werden. Es liegen erste Erkenntnisse vor, dass der Mann in einem Bus von Holland Richtung Polen unterwegs gewesen ist, diesen aber vorläufig verlassen hat.

Polizei: "Im Akutfall nicht in Gefahr bringen"

Nichtsahnend war der O|N-Leser morgens auf dem Weg zur Arbeit - plötzlich taucht ein orientierungsloser Mann vor dem Auto auf: Wie reagiert man in solch einer Situation richtig, wie zeigt man Zivilcourage?

"Grundsätzlich rät die Polizei davon ab, in der Art tätig zu werden, dass man sich selbst einer direkten Gefahr aussetzt", erklärt Bug. "Natürlich hoffen wir, dass Menschen alles tun, was ihnen möglich ist - darunter fällt es, ein guter Zeuge zu sein, genau zu beobachten und Hinweise aufzunehmen. In solch einem Akutfall ist es wichtig, schnell die Polizei zu informieren, auf Fragen detailgenaue Antworten geben zu können. So können wir schnell alle notwendigen Maßnahmen einleiten." (lu) +++