"Wir haben es satt"-Demo

Tegut-Chef Thomas Gutberlet fordert mehr Tempo bei der Agrarwende

Auch Tegut-Chef Thomas Gutberlet und Lernende des Lebensmittelhändlers aus Osthessen beteiligten sich an der Demonstration.
Foto: privat

25.01.2023 / FULDA / BERLIN - Bauernhöfe unterstützen, Insektensterben und Klimakrise stoppen, artgerechte Tierhaltung statt Megaställe und gutes Essen für alle - das forderten 10.000 Menschen bei eisigen Temperaturen zum Auftakt der "Grünen Woche" bei der "Wir haben es satt!"-Demonstration in Berlin.

"Wir erwarten deutlich mehr von Agrarminister Özdemir und der Bundesregierung, das war zu wenig ambitioniert, zu mutlos und zu langsam", wird Bündnis-Sprecherin Inka Lange mit Blick auf ein Jahr Agrar- und Ernährungspolitik der Ampel-Koalition in der Pressemitteilung zitiert.

Unter den Demonstranten war auch eine Gruppe von Lernenden des osthessischen Lebensmittelhändlers Tegut. Sie wurden von ihrem Chef Thomas Gutberlet unterstützt. "In den Koalitionsverträgen stehen viele gute Ideen zur Agrarwende, aber sie müssen endlich angegangen werden. Leider kommt schon das Programm zum Tierwohl nicht richtig voran, weil immer wieder versucht wird, es auszubremsen. Dazu kommt noch der Versuch auf EU-Ebene, die Kennzeichnung der Gentechnik aufzuheben, was aus meiner Sicht völlig gegen die Interessen der Verbraucher läuft, zu wissen, was sie kaufen und verzehren", sagt Gutberlet auf Anfrage von OSTHESSEN|NEWS.

Empfang beim Bio-Spitzenverband

Der Chef von rund 300 Tegut-Filialen und rund 7.700 Mitarbeitern war am Freitagabend bereits beim Empfang vom Bio-Spitzenverband Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) zu Gast. Spitzenvertreter aus Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Presse diskutierten, wie die Land- und Ernährungswirtschaft zukunftsfähig werden kann.

BÖLW-Vorstandsvorsitzende Tina Andres appellierte an die Gäste in Regierungsverantwortung, den Umbau von Landwirtschaft und Ernährung jetzt mutig anzupacken. Die Überschreitung der planetaren Belastungsgrenzen zerstöre schon heute unsere Ernährungsgrundlagen. Bio trage dazu bei, diese Grenzen zu respektieren, Öko-Systeme zu erhalten und Artenvielfalt, Klima und Gewässer zu schützen. Daher sei entscheidend für unsere Ernährungssicherheit, dass die Politik das 30 Prozent Bio-Ziel jetzt engagiert angeht.

Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir verwies bei seiner Rede auf die Umweltleistungen des Öko-Landbaus, der mit seiner umweltschonenden Wirtschaftsweise jedes Jahr klimarelevante Umweltkosten von 750 bis 800 Euro je Hektar einspare. Die aktuelle Bio-Fläche von 1,8 Millionen Hektar erspare somit der Gesellschaft 1,5 Milliarden Euro pro Jahr. Übertragen auf das 30 Prozent Bio-Ziel der Bundesregierung bis 2030 könnten jährlich sogar 4 Milliarden Euro an Kosten eingespart werden. Der Minister verwies darauf, dass er mit der Zukunftsstrategie Öko-Landbau (ZöL) das Engagement der Bundesregierung für Bio weiter stärken wolle.

Steuern für Obst und Gemüse senken?

Özdemir hat angekündigt, die Steuern für Obst und Gemüse senken zu wollen. "Die Kosten für gesunde Lebensmittel zu senken, hat den Charme, dass Menschen mit niedrigerem Einkommen davon am meisten profitieren. Daneben würde es mittelfristig die Kosten für Krankheiten, Gesundheitserhalt und so weiter senken. Besser wäre, dies auf Bio Produkte zu machen. Die Landwirtschaft, wie wir sie aktuell in Deutschland kennen, verursacht laut der Zukunftskommission Landwirtschaft (ZKL) gesellschaftliche Folgekosten von über 90 Milliarden Euro pro Jahr. Diese Kosten zahlen alle Bürger in Deutschland. Die Agrarwende würde hier dem deutschen Bürger und Steuerzahler eine deutliche Entlastung bringen", sagt Gutberlet.

Die Agrarwende mache Essen nicht teurer, sondern zeige die wahren Preise und entlaste wieder an den anderen Stellen. Eine solche Senkung der Steuer auf Bio Obst und Gemüse würde direkt beim Verbraucher ankommen, erklärte der Tegut-Chef abschließend auf Anfrage von OSTHESSEN|NEWS. (Hans-Hubertus Braune) +++