Am Samstag großer Tag der offenen Tür

Helen Bonzel hat ein riesengroßes Herz: 30 Jahre Kinder-Akademie

Helen Bonzel mit der Tiger-Ente: Ohne sie wäre die Kinder-Akademie nicht vorstellbar.
Fotos: Carina Jirsch, Privat (5)

23.09.2022 / FULDA - Als Helen Bonzel sechs Jahre alt war, kam ein Onkel aus Rio de Janeiro angereist, setzte sich in einen Sessel, legte die Füße auf den Tisch und lachte: "In Rio darf man das!" Wie vom Blitz getroffen, stellte sich Helen Bonzel dieses wunderbare ferne Land vor, in der man solch unerhörte Dinge tun konnte. "Diese Neugierde und Offenheit und das Bedürfnis, möglichst vielen Kindern solche Erlebnisse schenken zu wollen, hat letztlich zur Gründung der Kinder-Akademie Fulda (KAF) geführt", sagt die heute 78-Jährige.

Längst ist die Kinder-Akademie eine der Visitenkarten der Stadt. Nähert man sich über die Autobahn, entdeckt man am Fahrbahnrand nicht nur weiß-braune Hinweisschilder auf touristische Highlights wie etwa das Schloss Fasanerie in Eichenzell oder das Barockviertel, eines weist ausdrücklich auch auf die KAF und ihr begehbares Herz hin.

"Als ich das Schild auf der A7 zum ersten Mal gesehen habe, ist mir im wahrsten Sinne des Wortes das Herz aufgegangen. Dafür mussten meine langjährige Geschäftsführerin Dr. Gabriele König und ich aber auch lange kämpfen", erzählt Helen Bonzel gegenüber OSTHESSEN|NEWS. Am Gespräch nimmt auch Dr. Yvonne Petrina teil, die 2018 diesen Posten übernahm. Helen Bonzel selbst hat sich vor zwei Jahren in den wohlverdienten (Un-)Ruhestand verabschiedet.

Die KAF wurde 1992 gegründet nach dem Vorbild eines Kindermuseums in Boston, das Helen Bonzel während eines längeren Familienaufenthalts in den USA kennen und lieben gelernt hatte: "Der Kontrast zu den Erinnerungen an meine eigene Kindheit hätte nicht größer sein können. Hier gab es Leben und Erlebnis. Hier wurden Kinder neugierig gemacht auf Neues, hier konnten sie anfassen und ausprobieren." So ähnlich geht es heutzutage auch zu in der Kinder-Akademie Fulda.

Zumindest wuseln bei unserem O|N-Besuch gleich mehrere Schulklassen durch die Räumlichkeiten. "Das ist nach den zwei Jahren Pandemie wichtiger denn je", sagt Yvonne Petrina. "Denn da ist unglaublich viel mit den Kindern passiert. Die Konzentrationsfähigkeit hat nachgelassen, die Motorik ist schwächer geworden, und das emphatische Denken ist nicht mehr so verbreitet wie vielleicht noch vor fünf Jahren. Die Aufgabe von unserem ganzen KAF-Team ist es jetzt, flexibel zu sein und uns an die Jugendlichen anzupassen."

Geboten werden Workshops aller Art für Kinder und Jugendliche von sechs bis 13 Jahren. Von Musisch bis MINT ist alles vertreten. Da wird gemalt und musiziert, erdacht und gebastelt, gespielt und viel gelacht. Man pflegt an der Kinder-Akademie gute Verbindungen zu den Schulen und den Kindergärten, hat Kontakte zur Hochschule, stellt regelmäßig Kunstwerke im Foyer des Klinikums aus und ist auch sonst gut vernetzt.

Immer wieder ein Highlight im Jahreskalender sind die großen Vernissagen in der Kinder-Akademie. Werke von Baselitz und Christo waren dort schon zu sehen, und gerne schauen Prominente vorbei. So waren etwa Schauspieler Dietmar Bär und Sebastian Krumbiegel von den "Prinzen" zur Lesung da, und Alt-Bundestagspräsident Norbert Lammert diskutierte mit Jugendlichen über Demokratie.

Kernstück des gesamten Gebäudes ist das riesige begehbare Herz, das bei seiner Einweihung 1994 für Helen Bonzel eine besondere Herzensangelegenheit war, vermutlich auch, weil ihr Ehemann Tassilo Kardiologe ist. "Es gibt zwar noch ein zweites ähnlich großes Herz in Philadelphia", sagt sie, "aber das sieht ganz anders aus und ist in der Mitte durchgeschnitten. Da ist unseres viel schöner." Den früheren Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher konnten übrigens bei einem Besuch in der Kinder-Akademie keine zehn Pferde dazu bringen, sich das Herz einmal von innen anzusehen. "Das war ihm wohl zu eng."

Zum 30. Jubiläum lässt sich die Kinder-Akademie nicht lumpen. Die Feierlichkeiten beginnen heute Mittag mit einem Festakt für geladene Gäste im Kanzler-Palais. Und am Samstag findet dann von 14 bis 18 Uhr in der Mehlerstraße 8 ein großer Tag der offenen Tür statt. "Das wird super", freut sich Yvonne Petrina. "Wir haben in jedem Raum volles Programm. Es gibt Kurzführungen durchs Herz und durch unsere aktuelle Ausstellung, wir machen einen Erfinder-Klub, eine Kunstschule und ein offenes Atelier, es wird gewerkelt und wir führen ein neues Robotik-Programm ein. Da ist für jeden was dabei." (Matthias Witzel) +++