Langzeitfolgen für Kinder

Evangelisches Dekanat fokussiert Pandemieerfahrungen

Die Erzieherinnen im Diskussionsmodus.
Fotos: Traudi Schlitt

04.08.2022 / ALSFELD - Mit 780 Mitarbeitenden ist die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) ein großer Arbeitgeber in der Region. Organisten und Kantorinnen, Chorleitungen, Sekretärinnen und Küster, Hauswirtschafterinnen und Pflegekräfte, Reinigungskräfte, Sozialarbeiter und Pädagoginnen sind auf dem Gebiet des Evangelischen Dekanats Vogelsberg beschäftigt – mit 225 Erzieherinnen bildet diese Berufsgruppe den größten Teil der Beschäftigten. Vertreten werden sie allesamt von der Mitarbeitendenvertretung (MAV), die mit ihrem Vorsitzenden Norbert Kelbassa und dessen Stellvertreterin Petra Jahnel in den Räumen des Dekanats in Alsfeld angesiedelt ist. Zum ersten Mal seit der Pandemie fand im Juli nun wieder eine Mitarbeitendenversammlung in Präsenz statt, im Ernst-Archut-Haus in Wallenrod. An die achtzig Mitarbeitenden nutzten das Angebot der MAV, sich zu einem Austausch und einer Überraschung zu treffen.

Nach einem geistlichen Impuls stellten sich die MAV-Vertreter und –Vertretinnen ihren Kolleginnen und Kollegen vor. Jede gewählte Person vertritt in der MAV eine bestimmte Berufsgruppe und stellte Entwicklungen und besondere Themen in dieser Gruppe vor. Um das Motto ihrer Arbeit zu verdeutlichen, zeigte Norbert Kelbassa ein Foto, auf dem alle MAV-Mitglieder an einem Strang ziehen. Das Seil hatten sie selbst im Rahmen einer Klausurtagung geflochten. Kelbassa berichtete aus der Arbeit der MAV, die sich aus vielen verschiedenen Bereichen ergibt, beispielsweise Anfragen von Mitarbeitenden und der Mitwirkung bei allen arbeitsrechtlichen Entscheidungen von der Einstellung bis hin zu Vertragsänderung.

Gute-Kita-Gesetz

Zu den von den MAV-Mitgliedern vorgestellten Entwicklungen gehörte u.a. das Gute-Kita-Gesetz, das in den Kindertagesstätten umzusetzen war, die wiederaufkommende Diskussion um Gemeindeübergreifende Trägerschaften von Kitas (GüT), die Vervielfachung der Nachfrage im Beratungszentrum aufgrund der Pandemie, die Neukonzeption des Gemeindepädagogischen Dienstes oder die Errichtung von Verwaltungskooperationen von Kirchengemeinden.

Auf großes Interesse und rege Teilnahme stieß die Aufteilung der Versammlung in die einzelnen Berufsgruppen. Alle waren aufgefordert, ihre Erfahrungen in der Pandemie mit den für sie Zuständigen in der MAV zu besprechen. So wurde offenbar, dass die Ausfallregelungen für Küster nicht allen bekannt sind. Es gab Gesprächsbedarf bezügliche der Kommunikationsmöglichkeiten von alten Menschen in den Diakoniestationen während der Pandemie. Die Verwaltungskräfte beklagten zu wenig Austausch; neue Kolleginnen seien fast unbekannt. Die Entwicklung im Dekanat hin zur Schaffung von Nachbarschaftsräumen stelle auch an die Verwaltungen hohe Anforderungen, hieß es, ebenso wie die schiere Menge an Vakanzen auf den Pfarrstellen im Dekanat.

Erzieherinnen melden sich zu Wort

Besonders ausführlich meldete sich die größte Berufsgruppe zu Wort: Die Erzieherinnen berichteten von riesigen Herausforderungen in der Coronazeit und auch noch aktuell: Stellten in den akuten Phasen die Hygienebedingungen und Abstandsregeln die Einrichtungen vor große Aufgaben, die neben dem eigentlichen Betrieb bewältigt werden mussten, so sind es aktuell die Notfallpläne, die Sorgen machen. Viele Kitas leiden unter Personalausfällen durch die Pandemie. Die gesetzliche Verpflichtung für Notfallpläne, mit denen im schlimmsten Fall auch vorübergehende Gruppenschließungen einhergehen, treffen bei den Eltern auf Unmut.

Die Erzieherinnen beklagen während der Pandemie ständig wechselnde und unpräzise Vorgaben und mit allem einhergehend ein immenses Zeitproblem. Sie seien alle urlaubsreif. Neben diesen äußeren Umständen komme dazu, dass die Kinder in der Pandemie und auch jetzt noch viel mehr Aufmerksamkeit beanspruchten als üblich. Sie scheinen den anderen gegenüber weniger empathisch und mehr auf ihr eigenes Vergnügen bedacht. "Sie haben offenbar alle einen großen Nachholbedarf", lautete eine Vermutung dazu. Neuankömmlinge benötigten jetzt eine viel längere Einarbeitungszeit, so eine Feststellung: "Viele der Kleinen waren aufgrund der Pandemie ja noch nie wirklich außer Haus." Die Erzieherinnen waren sich einig, dass alle Kinder noch lange brauchen, bis sie sich von der Pandemie und daraus resultierenden Erfahrungen erholt hätten. Die Pandemie – so sie denn vorbei sei – hinterlasse viele Fragen, beispielsweise, wie zeitgemäß noch Konzepte seien, die eine Gruppengröße von 25 Kindern in relativ kleinen Räumen vorsehen. Als Zukunftsthemen für ihre Berufsgruppe arbeiteten die Erzieherinnen u. a. die Frage nach dem "Älterwerden im Beruf" und der "Nachwuchsgewinnung" heraus.

Mangel an Arbeits- und Fachkräften

Gerade das letzte Stichwort griff der Vorsitzende Nobert Kelbassa auf: Wie alle Einrichtungen und Unternehmen leidet auch die Kirche unter dem Mangel an Arbeits- und Fachkräften. "Wir sollten grundsätzlich an die Zukunft unserer Einrichtungen denken und für alle Bereiche um Mitarbeitende werben." Die Kirche sei mit vielen Vergünstigungen, Sozialleistungen und einer wertschätzenden Arbeitskultur immer noch ein sehr interessanter Arbeitgeber.

Zum Abschluss des Abends ließen die Anwesenden sich noch ein wenig verzaubern. Als Zeichen des Dankes hatte die MAV für ihre Mitarbeitenden den Zauberer Magic Alex engagiert und der hatte wahrlich genau das richtige Programm dabei, um trübe Gedanken und den Alltag zu zerstreuen. Das Publikum war hingerissen von seinen Zaubertricks, die sie – obwohl selbst Teil davon und mit dem Künstler auf der Bühne – nicht durchschauten.

Bleibt zu hoffen, dass die MAV, das Dekanat und die Kirche die Herausforderungen der Zukunft ganz ohne Zauberei beherrschen. Wunder hingegen sind bei der Kirche ja erlaubt. (pm) +++