"Das Telefon steht eigentlich nie still"

K+S-Betriebsratschef Axel Hartmann geht nach 43 Jahren Bergbau in Rente

Nach über 40 Jahren heißt es für Hartmann Abschied nehmen
Fotos: Carina Jirsch

12.08.2022 / NEUHOF - Er ist ein Mann von der Basis und kennt das Werk Neuhof-Ellers mit seinen über 750 Mitarbeitern wie seine Westentasche: Seit über 40 Jahren ist Axel Hartmann bei Kali und Salz tätig. In dieser Zeit hat der heute 63-Jährige, der im Neuhofer Ortsteil Rommerz wohnt, viel erlebt. Nach seiner kaufmännischen Ausbildung bewarb er sich beim Werk in Neuhof und wurde im Jahr 1979 eingestellt. Nur wenige Jahre später steigt er in den Betriebsrat auf. Hartmann blickt wehmütig auf seine Zeit im Werk zurück - denn die Tage sind gezählt. Zum 1. Oktober verabschiedet sich der Vater und Großvater in den wohlverdienten Ruhestand.

Gebürtig stammt Hartmann aus Hannoversch Münden. Die Liebe zu seiner Frau und letztlich auch die zu Kali und Salz zogen den Niedersachsen schließlich nach Osthessen. Für seinen Ruhestand wieder dorthin zurückzukehren, steht für den 63-Jährigen nicht zur Debatte: "Die Region ist meine Heimat geworden, hier habe ich meine Familie, Freunde, Hobbys und mittlerweile auch fünf Enkelkinder", lacht der hauptamtliche Betriebsratschef, der auch regelmäßig in die K+S-Zentrale nach Kassel pendelt.

Neuhof ist integrativer Standort

"Neuhof ist ein sehr integrativer Standort, hier wird man schnell aufgenommen. Neue Mitarbeiter bleiben gerne hier und finden schon nach kurzer Zeit Anschluss. Das ist mir im Laufe der Jahre immer wieder positiv ins Auge gefallen", so Hartmann. Die Anliegen der Mitarbeiter haben für den Gewerkschafter oberste Priorität. "Das Telefon steht eigentlich nie still - selbst am frühen Morgen, noch bevor ich mein Büro überhaupt aufgeschlossen habe, ist schon was los", lacht der 63-Jährige. In erster Linie kümmerte sich der Betriebsratsvorsitzende in den vergangenen Jahren um die Belange der Belegschaft, Regulierung von Arbeits- und Pausenzeiten oder personelle Maßnahmen wie Einstellungen oder Entlassungen. Den Konzern, insbesondere den Standort Neuhof-Ellers beschreibt Hartmann dabei als "gut funktionierendes, mitbestimmtes Unternehmen, geprägt von gegenseitiger Wertschätzung."

"Es gab jedoch auch schwere Zeiten, beispielsweise wenn sich das Unternehmen in Schieflage befand, Krisenzeiten mit Kurzarbeit überbrückt oder Standorte geschlossen werden mussten", so Hartmann, der sich unter anderem noch gut an die Fusion mit der Mitteldeutschen Kali AG erinnern kann. "Damals mussten kurz vor Weihnachten etwa 150 Mitarbeiter gekündigt werden. Das nimmt einen auch persönlich mit", so der Betriebsrat.

Auf Herausforderungen vorbereiten

Doch wie steht es um die Zukunft von Kali und Salz? "Ich glaube, da sind wir gut aufgestellt. Ein bedeutender Aspekt ist jedoch der Faktor Energie. Der Konzern steht bundesweit auf Platz 15 der größten Energieverbraucher. Sollten wir in diesem Bereich massive Probleme bekommen, wird das eine große Herausforderung. Jedoch sind wir bereits jetzt dabei, uns auf diese Herausforderung vorzubereiten und unseren ökologischen Fußabdruck zu verringern", meint Hartmann. Ein besonderer Meilenstein in der über 40-jährigen Laufbahn des Betriebsrats: Kali und Salz war im Jahr 1997 das erste bundesdeutsche Großunternehmen, welches eine Einkommensgleichheit zwischen Ost und West verzeichnete. "Da waren wir wirklich gute Vorreiter. Darauf kann das Unternehmen sehr stolz sein."

Ein prägender Lebensabschnitt

Bereut hat Hartmann seine Zeit an der Betriebsrats-Spitze von Kali und Salz nie. "Man erlebt in solch einer Zeit sowohl Hoch- als auch Tiefpunkte", weiß der gebürtige Niedersachse: "Auch die Menschen haben sich im Laufe der Zeit verändert, fast jeder denkt nur noch an sich. Früher hatte man das Gefühl einer großen Bergbaufamilie, das ist heute nicht mehr ganz so ausgeprägt", bedauert Hartmann und betont: "Jedoch haben wir heute schlichtweg auch andere Zeiten, die Fabrik ist effizienter, es wird mehr produziert."

Des Weiteren erforderte auch die Pandemie in den vergangenen Jahren besondere Maßnahmen. "Wir mussten aufgrund der damals geltenden Regelungen beispielsweise immer wieder die Seilfahrtzeiten anpassen, sodass nicht zu viele Mitarbeiter auf einmal unter Tage transportiert werden. Die Hochphase der Pandemie bedeutete auch für uns große Herausforderungen", blickt der Betriebsratschef zurück. "Glücklicherweise mussten wir die Produktion jedoch nie einstellen, kamen also rückblickend doch recht gut durch diese Zeit." 

"Mehr Zeit für die Familie"

Dass ein Abschied nicht leicht fällt, ist gewiss. "Man geht immer mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Aus der Zeit bei Kali und Salz habe ich sehr viel mitgenommen. Dennoch war man hin und wieder wenig Zuhause und freut sich jetzt auch auf die gemeinsame Zeit mit der Familie", so Hartmann, der seinen Ruhestand unter anderem zum Reisen nutzen will: "Außerdem will ich mehr Zeit in Haus und Garten investieren, mir mehr Zeit nehmen, für all das, was in den vergangenen Jahren vielleicht zu kurz gekommen ist."

Wer in die Fußstapfen Hartmanns tritt, steht bereits fest: Lars Halbleib wird neuer Betriebsratsvorsitzender, das Amt des stellvertretenden Vorsitzenden übernimmt Daniel Föller. Offiziell verabschiedet wird Hartmann in feierlicher Runde am heutigen Freitag. O|N ist mit dabei und wird im Nachgang berichten. Der offizielle Rentenbeginn steht dann am ersten Oktober an: "Donnerstags feiere ich Geburtstag, dann ist Wochenende und Montag bin ich Rentner", lacht der 63-Jährige. Und auch wenn sich die Zeit an der Spitze der Mitarbeiterschaft im Konzern nun dem Ende zuneigt - der Kaligemeinde und der Region Osthessen bleibt Axel Hartmann auch in Zukunft treu. (Lea Hohmann) +++