Prof. Dr. Clemens-Alexander Greim klärt auf

Wie man eine Operation schmerzfrei und ohne Bewusstsein durchsteht

Prof. Dr. Clemens-Alexander Greim ist Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Intensiv- und Notfallmedizin des Klinikums Fulda.
Fotos: Martin Engel

19.09.2021 / FULDA - Auf die Frage, ob er selbst schon einmal eine Narkose hatte, muss Prof. Dr. Clemens-Alexander Greim schmunzeln. Greim ist Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Intensiv- und Notfallmedizin des Klinikums Fulda. Und tatsächlich: Als Kind machte er früh erste Erfahrung mit seinem späteren Fachgebiet, bei einer HNO-Operation. Professor Greim vermutet, dass er beim Aufwachen aus der ersten Narkose seines Lebens direkt in die Operationsleuchte geblickt habe. Noch einige Zeit nach diesem Ereignis, so erinnert er sich, hätten ihn nachts unruhige Träume vom gleißenden Licht einer Sonne geplagt.

Erst viele Jahre später, als er noch während des Studiums ersten Operationen beiwohnte, habe er den Zusammenhang mit dem Aufwachen aus der Narkose und seinem Kindheitserlebnis erkannt. Dieses Ereignis sei wohl der Grund seiner Begeisterung für die Anästhesie, vermutet der renommierte Mediziner mit einem Augenzwinkern.

Die Möglichkeit, einen Menschen während einer Operation schmerzfrei zu machen und sicher begleiten zu können, fasziniert den gebürtigen Hamburger an seiner Arbeit bis heute. "Wir können die bewusste Wahrnehmung des Menschen und das Schmerzempfinden gezielt ausschalten, und das macht komplexes Operieren erst möglich. "Anästhesie ist angewandte Physiologie. Der Anästhesist muss genauestens wissen, wie der Körper funktioniert und wie er von Medikamenten beeinflusst wird", sagt Greim, der schon als Medizinstudent auf einer Intensivstation tätig und von den Möglichkeiten der Medizin begeistert war. 

Ziel der Narkose ist es, eine Operation schmerzfrei und ohne Bewusstsein durchzustehen.

Mit der Narkose schaltet man Bewusstsein und Schmerzempfinden aus. Vor der Narkose werden die Patienten gründlich auf den Eingriff vorbereitet. Das Team von Professor Greim untersucht die Patienten, schätzt das Narkoserisiko ein und führt eine intensive Aufklärung über alle getroffenen Maßnahmen durch. Während der Operation wird die Narkose kontinuierlich aufrechterhalten und der Patient durch den Anästhesisten überwacht. Daneben sind die Anästhesisten auch für die Therapie mit Infusionen, Blutprodukten, schmerz- und kreislaufwirksamen Medikamenten verantwortlich. Nach Abschluss der OP begleiten sie den Patienten in den "Aufwachraum", der im Klinikum Fulda als "Perioperative Behandlungsstation (PACU)" bezeichnet wird. "Die Versorgung hört dort aber nicht auf", so Greim weiter. "Die Patienten werden nach der Operation auch weiterhin durch die Ärzte und Fachpflegekräfte der Anästhesie mitbetreut. Sei es nach komplexeren Eingriffen auf der Intensivstation oder im Rahmen eines Schmerzdienstes auf der Normalstation." 

Viele Menschen haben Angst vor der Narkose.

 Viele Menschen haben Angst vor einer Narkose. Vor allem ältere Patienten fürchten oft, nicht mehr aus der Narkose aufzuwachen oder zumindest zeitweise "nicht mehr sie selbst" zu sein. Diesen Zustand nennt man auch Delir. Auch Orientierungs- und Erinnerungsstörungen können nach Narkose vorübergehend auftreten.

Patienten im mittleren und jüngeren Lebensalter haben dagegen eher Furcht vor dem Kontrollverlust. "Die Angst davor, keinen Einfluss auf das Geschehen nehmen zu können, ist bei Menschen, die voll im Leben stehen, besonders hoch. Sie haben weniger Sorge, nicht mehr aus der Narkose aufzuwachen." Noch anders die Kinder: Sie fürchten sich meist eher vor der fremden Umgebung im OP und den Nadelstichen, und bekommen daher ähnlich wie die Erwachsenen vor der Operation ein spezielles Beruhigungsmittel, um die Angst zu nehmen.

In Zusammenhang mit Operationen sterben in Europa auf 100.000 durchgeführte Eingriffe ca. 430 Menschen. Auch wenn das weniger als 0,5 Prozent sind, ist diese Zahl für Professor Greim beeindruckend hoch. Schaut man sich die Fälle dann aber im Detail an, zeigt sich, dass von diesen 430 Patienten nur eine Person alleine durch einen Fehler der Anästhesie stirbt. Bei weiteren 13 Menschen kommt es durch den operativen Eingriff selbst zu einem auch von der Anästhesie nicht mehr ausgleichbaren Zwischenfall; hier spricht man von einer anästhesieassoziierten Komplikation. Diese Zahlen niedrig zu halten, ist tägliche Aufgabe von Professor Greim und seinem Team.

Überwachung auf technisch und medizinisch höchstem Niveau


Im Mittelpunkt der Arbeit steht eine hohe Kompetenz des Personals. "Der wichtigste Monitor ist kein Gerät, sondern sind die Anästhesisten und die Narkosefachpflegekräfte. Modernste Technik stellt ergänzend natürlich eine essentielle Unterstützung dar." Das medizinische Team muss zu jeder Zeit wissen, wie es den Patienten durch die eingesetzten Medikamente und Maßnahmen geht, und sie mit künstlicher Beatmung und dem Kreislaufmanagement sicher durch die Operation führen. "Unser anästhesiologischer Einsatzbereich im Klinikum ist sehr groß und mit einer Vielzahl unterschiedlicher Eingriffe breit aufgestellt. So werden beispielsweise bei großen und speziellen neurochirurgischen und kardiochirurgischen Operationen höchste Ansprüche an die Narkose gestellt." Laut Professor Greim habe ein Krankenhaus der Maximalversorgung, wie das Klinikum Fulda, auch oftmals Patienten zu versorgen, die schwer krank sind und wegen der hohen Risiken in kleineren Krankenhäusern nicht operiert werden können. Diese Patienten stellen ebenso wie die hochinvasiven operativen Eingriffe eine große Herausforderung dar, besonders, wenn sie höheren Lebensalters sind.

"Gerade ältere Menschen sind daran interessiert, eine Vollnarkose zu vermeiden, und wählen gerne ein regionalanästhesiologisches Betäubungsverfahren." Auch auf diesem Gebiet haben die Mitarbeiter der Klinik für Anästhesiologie viel Erfahrung. Hierbei werden gezielt Nerven mit Medikamenten kurzzeitig ausgeschaltet. Bekommt man zum Beispiel ein neues Kniegelenk, kann solch eine Regionalanästhesie eine echte Alternative darstellen. Der Patient erhält auf Wunsch dann noch ein Medikament, das ihn in einen leichten Dämmerschlaf versetzt.

"Setzen sich Patienten mit ihrer Angst vor der Narkose auseinander, ist das die halbe Miete".

Für die Narkoseärzte ist es wichtig, dass die Patienten ihnen ihre Ängste mitteilen. So kann man gezielt auf die einzelnen Bedenken eingehen. Man merke deutlich, dass Patienten, die sich beim Narkosegespräch bezüglich ihrer Ängste geöffnet haben, deutlich ruhiger in die Narkose gehen. "Der junge Feuerwehrmann, der es gewohnt ist, professionell furchtlos aufzutreten und stark zu sein, aber vor dem Kontrollverlust bei der Narkose einige Furcht hat, macht dann bei der Narkoseeinleitung eher mal Probleme", weiß der Mediziner. Blutdruckwerte und Herzfrequenz verraten diese innere Anspannung. Damit kämen die Anästhesisten aber gut klar, meint Professor Greim, und schildert den Umgang mit dieser Situation. "Bei Menschen mit solchen nachvollziehbaren Ängsten und innerer Unruhe ist nicht nur die fachliche Kompetenz, sondern auch menschliches Einfühlungsvermögen gefragt – dieses Feingefühl beweisen unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tagtäglich." (Adrian Böhm) +++