Was wir lesen, was wir schauen (27)

Jüdisches Frauenleben: Kadosh + Unorthodox - Im Gefängnis radikaler Weltsichten

Das Team von „Unorthodox“
Screenshots: Jutta Hamberger

19.09.2021 / FULDA - Geht es Ihnen wie mir – und Ihnen gehen die Bilder, insbesondere der afghanischen Frauen nach der Machtergreifung durch die Taliban nicht mehr aus dem Kopf? Ja, ich weiß – in Afghanistan leiden alle Menschen. Besonders trifft es aber die Frauen, denn ihre Rechte werden auf eine Art und Weise brutal beschnitten, dass es auch uns hier im sicheren Westen weh tut.

Von der Radikalität der Orthodoxie

Man muss nicht in nicht-westliche Gegenden reisen, man muss nicht einmal den jüdisch-christlichen Kulturkreis verlassen, um ähnliche Geschichten weiblicher "Zurichtung" kennenzulernen. In meinem heutigen Text möchte ich Sie nach Williamsburg, einen Stadtteil von New York, entführen, und nach Mea Shearim in Jerusalem. Beides sind Stadtviertel, in denen orthodoxe Juden nach ihren ganz eigenen Regeln leben. Es ist – aus Sicht von heute und hier – die Anti-Moderne.

Man lebt dort ohne Zeitungen, Fernseher, Handys und Soziale Medien. Rabbiner bestimmen über so ziemlich jeden Aspekt des Lebens. Es ist eine fremde Welt, direkt nebenan. Was für uns Exotik ist, ist für die Bewohner:innen des Viertels Alltag. Beim Schreiben frage ich mich durchaus, ob ich ihnen mit meiner eigenen Weltsicht gerecht werden kann, oder ob ich nur klischeebeladene Bilder sehe und produziere. Ich versuche es dennoch, mit aller Empathie, der ich mächtig bin. Denn es ist keine Welt, die ich ablehne, nur eine, die mir schwer verständlich ist. Und auch das ist eine Erkenntnis: Mea Shearim ist nicht nur ein Viertel, es ist auch eine Haltung, eine, die es nicht nur in Jerusalem gibt. Überall auf der Welt findet man Menschen, die sich von der Gegenwart verabschiedet haben oder dort nie angekommen sind, die bewusst vor-modern leben und das mit ihren Traditionen oder der Religion begründen.

Die Mauern für Frauen sind immer höher

Kann man zu so einer fremden Welt überhaupt unvoyeuristische Zugänge finden? Zwei Filme versuchen diese Annäherung. Es ist kein Zufall, dass beide Filme Frauen ins Zentrum der Erzählung stellen: "Unorthodox", die Mini-Serie von 2020 nach Deborah Feldmans Buch, und "Kadosh", Amos Gitais Film aus dem Jahr 1999. Gerade die Frauen reiben sich blutig an den Gefängnismauern, die Männer für sie (und immer auch sich selbst) errichten. Das verwundert nicht, denn Gefängnismauern werden für Frauen überall höher gebaut als für Männer.

Beide Geschichten erzählen von Frauen, die mit der ihnen zugeschriebenen Rolle unglücklich sind. Sie versuchen, sich anzupassen, sie versuchen, die an sie gestellten Erwartungen zu erfüllen – und scheitern an ihren Wünschen und Sehnsüchten. Sie kommen beide zu der Überzeugung, dass quasi unsichtbar werden, nur zuhause sein, den Mann versorgen und jüdische Söhne gebären zu wenig für ein gelingendes Leben ist. In beiden Filmen ist die Beziehung der Hauptfiguren von Liebe geprägt – aber beide Filme machen unmissverständlich klar: Liebe ist die Ausnahme, darum geht es nicht. Beide Paare sind nicht glücklich, denn Beziehung ist Pflicht und unterliegt harschen Regeln. In beiden Filmen scheitern die Ehen deshalb auch, trotz der Liebe.

Prison Break auf Jüdisch

Denn eins kann die Liebe nicht – die auferlegten Rollen aufweichen, die Gefängnisse öffnen. "Unorthodox" lässt Esty die Welt außerhalb des orthodoxen Viertels erkunden – und im Musikstudium den Ausweg finden. 20 Jahre nach "Kadosh" bricht Esty aber auch für ihren Mann Yanky ein Loch in die Mauer. Der folgt ihr zunächst nur deshalb nach Berlin, um sie wieder zurückzuholen in ihr altes Leben. Am Ende zweifelt Yanky, ob das für Esty und ihn der richtige Weg ist. Immerhin.

In "Kadosh" geht es für Rivka deutlich schlechter aus. Ihrem Mann Meir fehlt der Mut zum Ausbruch und zum Widerstand gegen die rigorose Gesetzesauslegung des Rabbi, der auch sein Vater ist. Meir verstößt seine Frau, weil sie keine Kinder bekommt, und die wählt den Tod, der ihr gnädiger scheint als das Leben einer verstoßenen Ehefrau. Ihr Tod wird zum Fanal für ihre jüngere Schwester Malka, die ihre trostlose Ehe, das orthodoxe Viertel und wohl auch Jerusalem am Ende hinter sich lässt.

Beides sind zunächst Geschichten aus dem orthodoxen Judentum. Frauen sind hier weitgehend rechtlos, Männer haben deutlich mehr Freiheiten (und weniger Arbeit). Doch würde man damit zu kurz springen, denn beides sind auch universelle Geschichten. Universell darin, dass sie in so ziemlich jeder Religionsgemeinschaft vorkommen. Auch das Christentum definiert die Rolle der Frau als "begrenzt" und mit weniger Rechten als die des Mannes. Mit den gleichen Begründungsmustern wie das orthodoxe Judentum. Maria 2.0, Esty und Rivka sind Schwestern im Geiste.

Frauen als Systemsprenger

In diesen beiden Filmen brechen die Frauen aus und auf, die Männer in ihren dunklen Mänteln und schwarzen Hüten scheinen überfordert von ihrem Aufbegehren. Sehr klar wird: Wer die eigene Rolle neu definiert, verändert automatisch auch die Rollen der anderen – sogar gegen deren Widerstände. Wer Rollen verändert, stellt die Selbstverständlichkeit oder Allgemeingültigkeit der Rollen in Frage. Leicht ist das nicht, denn es ist das immer gleiche Spiel: Wer für sich mehr Rechte einfordert (und damit ja immer nur meint, dieselben Rechte zu wollen wie andere), wird als Störer gesehen und behandelt, nicht als Ermöglicher. Wer die Gemeinschaft verlässt, geht nicht nur oder wird aus ihr vertrieben, sondern hinterlässt auch ein Erbe. Durchaus eines mit Sprengstoff, denn die unausgesprochene Forderung ist ja die nach neuer Sinnstiftung. Emanzipation ist nicht für umsonst zu haben.

Das ist harte Kost für alle, die an ein "weiter so, weil wir das schon immer so gemacht haben" glaubt oder den Primat religiöser Regeln über das Wohlergehen des einzelnen Menschen. Und es ist Ermutigung für alle, die an den Gitterstäben rütteln wollen.

Warum wollen manche Männer Frauen klein halten?

Es bleibt die Frage nach dem Warum. Warum finden manche Männer soviel Gefallen daran, Frauen Rechte abzusprechen und ihre Fähigkeiten in Frage zu stellen, und ihr Leben auf das allerstrengste und bis in den letzten Winkel zu kontrollieren? Und warum bietet ausgerechnet die Religion dafür soviel Nährboden?

- In Amerika fordern weiße Nationalisten, dass Symbole des Rassismus und der Unterdrückung bestehen bleiben müssen, weil sonst ihr Christ-Sein bedroht ist.
- In Deutschland gibt es katholische Kreise, die der Initiative Maria 2.0 nur mit Geifer, Hass und Feindseligkeit begegnen.
- In der Türkei wurden gerade auf Wunsch des Präsidenten Frauenrechte dramatisch beschnitten – und Frauen so erneut der Willkür ihrer Ehemänner (und Väter, und Brüder) ausgeliefert.
- In Polen wurden gerade die Abtreibungsgesetze massiv verschärft – zu Ungunsten der Frauen.
- In den USA ist Vergewaltigung in einigen Staaten nicht strafbar, wenn der Vergewaltiger sein Opfer ehelicht.
- In Afghanistan errichten die Taliban gerade wieder ein System, das Frauen zu Wesen dritter Klasse macht und sie entrechtet.

Vielleicht gilt immer noch der Satz von Marie von Ebner-Eschenbach: "Eine kluge Frau hat Millionen Feinde – alle dummen Männer." Apropos: Männer haben letztlich immer davon profitiert, wenn Frauen ihren Wirkungskreis erweitert haben. Das ist eine der wunderbaren Folgen der Emanzipation – sie macht die Welt für alle größer. Beide Filme sind also keine chick flicks, sondern Filme, die man wunderbar gemeinsam anschauen kann.

Zum Weiterlesen und Weiterschauen

"Kadosh" ist als DVD erhältlich, die Mini-Serie "Unorthodox" ist auf Netflix zu sehen – das zugrundeliegende Buch von Deborah Feldman ist überall im Buchhandel erhältlich.
Zur Bedeutung des Wortes "kadosh"
https://www.juedische-allgemeine.de/allgemein/die-energie-der-liebe/
https://www.welt.de/print-welt/article497817/Heilig-ist-nur-einer.html

Filmbesprechungen

https://www.hagalil.com/israel/film/2007/0703-kadosh.htm
Trailer Kadosh: https://www.youtube.com/watch?v=IptDSRp0DUA
https://www.theguardian.com/culture/2020/apr/20/unorthodox-a-thrilling-story-of-rebellion-and-freedom-from-new-york-to-berlin
https://www.nzz.ch/feuilleton/serie-unorthodox-bei-netflix-nicht-ganz-koscher-ld.1555481
https://www.thebostonpilot.com/opinion/article.asp?ID=187723
https://www.welt.de/kultur/article206965399/Netflix-Serie-Warum-Unorthodox-antisemitische-Klischees-bedient.html
(Jutta Hamberger) +++

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