"Was wir lesen, was wir schauen"

Bob Woodward "Wut" - "Trump ist unsicher, eitel und selbstverliebt"

Geht er - oder bleibt er?
Foto: picture alliance/Capital Pictures/Chris Kleponis

18.10.2020 / REGION - Sollten Sie am 29. September nachts das erste Rededuell zwischen Trump und Biden verfolgt haben, hätte Bob Woodward Sie warnen können, was da auf Sie zukommt. Die nach ziemlich einhelliger Meinung furchtbarste Präsidenten-Debatte, die es jemals gegeben hat, artete in eine üble Schlammschlacht aus. Die Hauptschuld daran trug ein völlig außer Kontrolle geratener Trump, der mit Lügen und Beleidigungen um sich warf. Wenn er am 3. November aus dem Weißen Haus gewählt werden sollte, werden Sie sich vielleicht an dieses Duell erinnern und sagen: Damit begann seine Niederlage.

Sollten Sie am ersten Oktober-Wochenende die Nachrichten aus den USA verfolgt haben und einigermaßen atemlos zwischen "Hat er jetzt wirklich Covid?" und "Ist das alles nur ein Werbe-Stunt?" hin- und hergerissen gewesen sein, werden Sie am 3. November vielleicht zurückschauen und sagen, an diesem Wochenende begann die Präsidentendämmerung.

Die Journalisten-Legende Woodward hat in fast 50 Jahren 20 Bücher geschrieben, neun Präsidenten aus nächster Nähe beobachtet und einen aus dem Weißen Haus vertrieben. Ist es ein Menetekel, dass am Anfang seiner Karriere ausgerechnet Richard Nixon und am Ende Donald Trump stehen – zwei der fragwürdigsten und polarisierendsten US-Präsidenten überhaupt? Und wird über diese Präsidentschaft ein "All the President‘s Men" vergleichbarer Film gedreht werden?

"Rage (Wut)" entstand auf der Basis von ca. 18 Gesprächen mit Trump, meist am Telefon, meist kurz, fast immer spontan, oft zu sehr ungewöhnlichen Zeiten. Woodwards Fazit: Trump ist der falsche Mann im Weißen Haus. Donald Trump hätte eigentlich gewarnt sein können, aber Trump wäre nicht Trump, wenn er es nicht ständig besser wüsste. Er wollte partout dieses Interview mit Woodward. Man kann dieses Buch also durchaus auch als Liebeswerben Trumps um das Leitmedium Washington Post und ihren Starjournalisten Bob Woodward verstehen. Offenbar ging Trump davon aus, diesmal könne er den Journalisten so becircen, dass dieser ihn so vorteilhaft so porträtieren würde, wie Trump sich selber gern sieht: stark, viril, mächtig. Supermann im Weißen Haus. Den Gefallen tut Woodward ihm nicht. Stattdessen entsteht das Bild eines Mannes, der zutiefst unsicher, eitel und selbstverliebt ist, keinen Plan und keine Strategie hat, weder über diplomatisches noch politisches Geschick verfügt, Lüge nicht von Wahrheit unterscheiden kann und vor allem mit Nicht-Wissen glänzt.

"Liebesbriefe" zwischen Trump und Kim Jong Un

Für mich der erhellendste und gleichzeitig erschütterndste Teil des Buchs sind die "Liebesbriefe" zwischen Trump und Kim Jong Un, Nordkoreas Diktator, die hier erstmals in voller Länge veröffentlicht werden. Trump selbst hat diese Briefe so genannt. Ich fühlte mich an Walter von der Vogelweides Minnegesänge erinnert. Nur – hier wird keine ‚hohe frouwe‘ besungen, sondern zwei Potentaten schmieren sich Honig um den Mund. Das ist so klebrig, wie es sich anhört, und ziemlich schleimig.

Schöner als mit diesen Briefen kann man nicht zeigen, wie Trump "funktioniert" bzw. wie man ihn am Nasenring durch die Arena führen kann: Schmeicheln, schmeicheln, schmeicheln, seiner Großmannsucht Genüge tun. Kim spielt auf dieser Klaviatur genauso perfekt wie etwa Putin, wie ja überhaupt auffällt, wie gut Trump mit Despoten und wie schlecht er mit Demokraten kann. Auch Trumps Geschwätzigkeit und Wichtigtuerei werden überdeutlich. Die Einschätzung von Ex-Verteidigungsminister James Mattis, Trump habe keinen moralischen Kompass, bestätigt Woodward immer wieder. Der Mann, der 2016 mit dem Slogan 'Make America great again' antrat, schadet seinem Land wie kein anderer seiner Vorgänger. Denn für Trump gibt es nur einen Maßstab – nutzt es ihm selbst.

Trumps Tiraden sind ermüdend


"Rage" ist fast komplett in Dialogform geschrieben, so, als säße man mit dem Journalisten und Trump im Oval Office und würde dem Gespräch der beiden lauschen. Das ist nicht immer leicht zu lesen, denn Trumps Tiraden sind, nun ja, ermüdend. Es beginnt im Herbst 2016, wir werden Zeuge der ersten Personaleinstellungen Trumps, bei denen sich schon ein Leitmotiv dieser Präsidentschaft ankündigt - Chaos. Im Verlauf des Buchs werden sie wieder gefeuert, denn Trump agiert wie ein Potentat, der Leute danach aussucht, wie sehr sie ihm nach dem Mund reden. Widerspruch – ganz schlecht (Tillerson, Mattis). Selbst bekannt werden, oder gar beliebter sein als der Präsident – geht gar nicht (Fauci). Schwiegersohn Kushner erklärt Woodward stolz, inzwischen habe man bei den Mitarbeitern im Weißen Haus eine Quote von 80 Prozent Trump-Anhängern, zu Beginn seien es nur 20 Prozent gewesen. Bei so vielen Jasagern sind Steuerung oder Kontrolle nicht mehr möglich.

"Wenn Sie ein Land führen, gibt es dauernd Überraschungen. Hinter jeder Tür liegt Dynamit", so Trump gegenüber Woodward. Nach der Lektüre dieses Buchs weiß man: Das Dynamit hinter den Türen ist nichts im Vergleich mit dem Dynamit, das Trump selbst darstellt.

Das Buch ist auf englisch bereits erhältlich, die deutsche Fassung "Wut" erscheint am 19. Oktober 2020 im Hanser-Verlag. https://www.bobwoodward.com https://www.bobwoodward.com/video +++(Jutta Hamberger)

Neue O|N Serie: Was wir lesen, was wir schauen

"Warum schreibe ich auf ON eine Kulturkolumne? Eigentlich ist Stadtpfarrer Buß dran schuld, dessen wunderbarer wöchentlicher spiritueller Impuls mich auf die Idee eines literarischen Impulszwillings brachte.

Ein paar Worte zu mir: Nach einigen Stationen in der Verlagsbranche (u.a. Random House, Gräfe & Unzer, Kosmos Verlag, Trias Verlag) bin ich seit 18 Jahren selbständig, zunächst als Beraterin bei Verlagsconsult in München, seit Oktober 2020 mit eigener Beratungsfirma (www.dreisprung.eu). Ich beschäftige mich v.a. mit strategischer Programmarbeit, Produktkonzepten und bin ausgebildeter Coach. Nicht nur beruflich lese ich gern und viel, und das wirklich quer durch den Gemüsegarten. Quasi als Hobby übersetze ich Sachbücher aus dem Schwedischen und Englischen.

In dieser Kolumne werde ich vor allem Lieblingsbücher besprechen, der Schwerpunkt liegt dabei nicht notwendigerweise auf aktuellen Titeln (aber alle besprochenen Bücher sind lieferbar), sondern auf Titeln, die begeistern, kraftvoll sind und berühren. Negatives gibt es genug auf der Welt, deshalb wird das eine Verriss-freie Kolumne, denn ich schreibe nur über Bücher, die ich wirklich gut finde. Thematisch gibt es keine Einschränkung, ich werde vom Kinderbuch über Belletristik, Sachbuch, Krimi bis Literatur heraussuchen, was mir etwas bedeutet - und was ich Ihnen genau deshalb ans Herz lege. 

Es wird nicht bei Büchern bleiben, auch Filme und TV-Serien werde ich immer wieder druntermischen.
Ich wünsche Ihnen vergnügliche Stunden beim Stöbern, Lesen und Anschauen"

Ihre Jutta Hamberger