Beschäftigte fordern Tarifeinkommen

Wieder Streik bei Amazon - Frühschicht im Ausstand - Kritik an Nazi-Artikeln


Fotos: Klaus Dehnhard

16.07.2019 / BAD HERSFELD - Beim Online-Großhändler Amazon wird wieder gestreikt: schon seit Beginn der Frühschicht am Montag sind rund 150 Mitarbeiter des Versandriesen an den beiden Logistikstandorten in Bad Hersfeld im Ausstand. Ziel der mit Unterstützung der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di Streikenden sind höhere Löhne und Gehälter und endlich ein angemessener Tarifvertrag.

Der Streik soll ununterbrochen bis Mittwochnacht fortgesetzt werden, teilte ver.di dazu mit. Auch weitere Beschäftigte an sieben deutschen Standorten von Amazon sind ebenfalls für bessere Entlohnung und einen Tarifvertrag in den Streik getreten. Aktueller Anlass ist der "Amazon Prime Day", bei dem der Onlinehändler laut Medienberichten 2018 mehr als 100 Millionen Produkte verkauft und Rekordgewinne erzielt hat. Die Rabattaktion ist heute um Mitternacht gestartet und bietet laut Eigenwerbung "ein zweitägiges Feuerwerk voller toller Angebote".

Schon seit mittlerweile sechs Jahren dauern die immer wieder organisierten Streiks bei Amazon für einen Tarifvertrag wie im Einzel- und Versandhandel an. Aktuell heißt das Motto des Ausstands "Kein Rabatt mehr auf unsere Einkommen". Deutschlandweit beschäftigt Amazon nach eigenen Angaben rund 13.000 Angestellte an zwölf Logistikstandorten.

Die zuständige Gewerkschaftssekretärin Mechthild Middeke betont am Standort Bad Hersfeld, dass der Konzern wirtschaftlich glänzend dastehe und sich eine bessere Bezahlung absolut leisten könne. Ver.di erklärt, dass Amazon bereits im ersten Quartal 2019 nach eigenen Angaben weltweit Gewinn von rund 3,2 Milliarden Euro erzielt habe. Doch von dem Rekordgewinn profitierten die Beschäftigten nicht, ohne die es keinen Versandhandel gebe. So werde zum Beispiel generell kein Urlaubsgeld bezahlt. Während Amazon mit satten Preisnachlässen beim Prime-Day zur Schnäppchenjagd blase, werde den Beschäftigten eine existenzsichernde tarifliche Bezahlung vorenthalten, kritisierte die Gewerkschaft. Die Rabatte lasse sich Amazon durch Tarifflucht und Niedriglöhne der eigenen Beschäftigten bezahlen – damit müsse endlich Schluss sein.

Kritik an Handel mit Nazi-Propaganda - Zentralrat der Juden protestiert scharf

Die fehlenden Tarifverträge sind aber nicht der einzige Kritikpunkt an Amazon. Scharfen Protest vom Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, hatten letzte Woche Medienberichte darüber ausgelöst, dass der Versandhändler Amazon über seine Drittanbieterplattform diverse Produkte wie T-Shirts, Sticker, Schriften mit Nazipropaganda, ultrarechten Parolen und rassistischen Botschaften anbietet. Aufdrucke wie "Auch ohne Sonne braun" und Titel wie "Der Jude als Weltparasit" oder "Judas: Der Weltfeind" werden dort vertrieben. Schuster nannte die Situation völlig inakzeptabel und forderte den Konzern auf, sofort mit dieser Verkaufspraxis Schluss zu machen und sich nicht länger darauf zu berufen, es handele sich dabei um Drittanbieter. Das Unternehmen verstoße damit gegen seine eigenen Richtlinien, in denen festgelegt sei, dass das Anbieten von Artikeln, die den Nationalsozialismus oder verfassungswidrige Organisationen verherrlichten, unterstützten, guthießen oder verharmlosten, verboten sei.

Greenpeace protestiert gegen Retouren-Vernichtung

Gegen eine weitere Praxis von Amazon wendet sich aktuell auch die Umweltorganisation Greenpeace - ebenfalls anlässlich des Prime Days und protestierte gegen die Vernichtung zurückgeschickter neuwertiger Waren. Greenpeace-Aktivisten hatten am Sonntagabend auf einem Firmengebäude in Winsen aus Versandverpackungen einen 27 Meter langen Schriftzug "Für die Tonne" aufgebaut, um, damit "auf die klimaschädliche Ressourcenvernichtung bei Amazon" aufmerksam zu machen. Der Konzern kündigte daraufhin an, rechtliche Schritte gegen Greenpeace prüfen zu wollen. Solche Protestaktionen seien illegal und gefährdeten Beteiligte und Mitarbeiter.(Carla Ihle-Becker)+++