Ein anderer Sommer - das dritte Wochenende

Originelles Kammermusical - todunglückliche Cathy durchlebt Ehe-Aus rückwärts

Ihr glücklichster Moment - Cathy und Jamie geben sich ihr Eheversprechen
Fotos: (c) BHF/S. Sennewald

02.08.2020 / BAD HERSFELD - Ein außergewöhnliches Musical eröffnete das dritte Wochenende, an dem Bad Hersfeld zur Stadt der Geschichten wird, mit einem Paukenschlag. Genau gesagt handelt es sich bei der Premiere  von "Die letzten fünf Jahre" am Freitag um ein intimes Kammermusical, nicht ganz so groß wie in der Stiftsruine gewohnt, aber mindestens genauso gut!

Musicalstar Bettina Mönch, zuletzt brillierte sie in Hair auf der Stiftsruinenbühne, erzählt an der Seite von dem begnadeten Musicaldarsteller Armin Kahl die Geschichte von Cathy und Jamie, eine traurig alltägliche Geschichte über eine Liebe, die hoffnungsvoll beginnt, für ein Leben gemacht scheint und dann wieder zerbricht. Die Handlung wird überwiegend durch vierzehn Lieder transportiert. Es gibt kaum gesprochene Dialoge.

Gil Mehmert hat dieses bezaubernde und originelle Kammermusical aus der Feder von Jason Robert Brown, das 2001 am Northlight Theatre in Chicago uraufgeführt wurde und einen weltweiten Siegeszug antrat, für die Stiftsruine inszeniert. Die musikalische Leitung liegt in der Verantwortung von Christoph Wohlleben, der zusätzlich die überragende, vielschichtig spielende Live-Band mit Streichern und Gitarristen am Klavier vervollständigt, die die Handlung mit sanften Melodien, rhythmischen Raffinessen und jazzigem Drive vorantreiben.    

"Ich steh´ weinend da", schluchzt Cathy, den Abschiedsbrief ihres Mannes in der Hand. Zu Beginn des Musicals stehen sich die todunglückliche Cathy und der euphorisch verliebte Jamie gegenüber. Am Ende ist es umgekehrt, versetzt, spiegelverkehrt. Doch es ist die gleiche fünfjährige Beziehung. Die Wahrnehmungen sind selektiv. Die Vergangenheit im Besonderen und die zwischen Männern und Frauen noch einmal im Speziellen. Seine und ihre Sicht auf die letzten fünf Jahre fallen daher höchst unterschiedlich aus.

Cathy, eine ehrgeizige, aber erfolglose Schauspielerin, durchlebt die Geschichte rückwärts. Jamie, ebenso ambitionierter Schriftsteller, dessen Bemühungen letztendlich von Erfolgen gekrönt werden, beginnt in der Vergangenheit, den Anfängen der jungen Liebe und den verzweifelt wirkenden Versuchen der beiden Künstler, Fuß zu fassen. Beide Erzähl-Perspektiven treffen sich im Stück nur einmal wirklich zeitgleich. Es ist am Tag ihrer Hochzeit. Der Tisch als Requisite wird zum Ruderboot, in dem Jamie "seiner Göttin" einen Heiratsantrag macht. Sie sagt ja mit dem Gefühl: "Niemals war mir jemand so nah". Das gesungene Eheversprechen geht ans Herz, es ist wohl der glücklichste Moment für beide, den sie mit dem einzigen Duett des Abends krönen.

Jamie ist bereits mit 28 Jahren beruflich ganz oben dabei und genießt den Höhenflug, Cathy ist enttäuscht. "Du siehst mich weinen und stehst nur teilnahmslos dabei", klagt sie. "Ich werde nicht verlieren, nur damit es dir besser geht", kontert Jamie. Die junge Frau macht sich dennoch Hoffnung, dass sie als Ehepaar ein Team bilden und glaubt: "Ich bin Teil davon". Langsam wachen beide aus ihrem großen Traum von der Liebe, die erlösen und retten soll, auf. Die große Krise lässt nicht lange auf sich warten: "So schwer war´s noch nie. Wie soll´s weitergehen?" Das Eheversprechen, Verführungen zu wiederstehen, hat Jamie längst gebrochen.  Was in gegenseitiger Verzauberung begann, endet nach fünf Jahren in großer Trauer umeinander. "Mach´s gut bis morgen" freut sich Cathy nach dem ersten Abendessen mit Jamie auf das nächste Treffen. "Ich konnte nie dein Retter sein", zieht Jamie den finalen Schlussstrich.

Das Publikum in der ausverkauften Stiftsruine ließ sich von dem hingebungsvollen und leidenschaftlichen Schauspiel und den grandiosen Stimmen der beiden Protagonisten mitreißen und würdigte die Leistung mit frenetischem Applaus, der natürlich auch den fantastischen Musikern galt. Die heutige Vorstellung ist restlos ausverkauft. Für Sonntag, 2. August, sind noch wenige Restkarten vorhanden. Info unter www.bad-hersfelder-festspiele.de  (Gudrun Schmidl) +++