Corona-Erfahrungsbericht

Ein Verdacht und seine unschönen Folgen - Stress-Test beim Abstrich

Eine lange Warteschlange vor dem Klinikum Fulda
Fotos: O|N

24.03.2020 / FULDA - Hier ein nicht sehr aufmunternder Erfahrungsbericht eines Patienten, der sich selbst als Corona-Verdachtsfall eingestuft hat und sich anschließend vorschriftsmäßig verhalten hat. Doch zielführend war seine Aktion bislang nicht: "Gleich zwei Gründe brachten mich dazu, mich bei meinem zuständigen Gesundheitsamt zu melden: Zum einen konnte ich einen Kontakt zu einer positiv getesteten Person nicht ausschließen, zum anderen habe ich mich Anfang März eine Woche in Madrid aufgehalten. Nachdem das RKI auch die spanische Hauptstadt als Risikogebiet deklariert hatte, war der Griff zum Hörer für mein Gewissen unausweichlich. Knapp zehn Tage später bin ich um eine Erfahrung reicher. 

Wartezeiten bei der Corona-Hotline des Landkreises Fulda gab es zu dieser Zeit kaum. Mein Fall wurde ernst genommen und ich stellte mich einigen Fragen der freundlichen Dame vom Amt. "Wir werden uns gleich bei Ihnen mit weiteren Details melden", hieß es am Ende des Gesprächs. Gemeint war damit die Zuweisung eines Termins zum Testen auf das Corona-Virus und die behördliche Anordnung der Quarantäne-Maßnahmen. Auch am nächsten Tag erfolgte der angekündigte Rückruf nicht und ich rief erneut die Corona-Hotline an. Meine Akte vom Vortag wurde nicht gefunden und der Fragebogen ging erneut los. "Ich stelle Sie hiermit nun offiziell unter Quarantäne." Diese Ansage kam für mich nicht überraschend. Mein Termin zum Testen war allerdings erst nach dem Wochenende am Montag, den 16.03. um 9:00 Uhr angesetzt. Alles Weitere würde ich schriftlich per Post und Einschreiben erhalten. Doch dazu später mehr.

Quarantäne und keine Vorräte gehamstert

Ich wohne allein in Fulda-Neuenberg und bin nicht gerade für meine Kochkünste bekannt. Für das Wochenende haben meine Reserven noch gereicht, spätestens aber am Montag war ich auf Lebensmittellieferungen durch Freunde angewiesen.

Apropos Montag: Pünktlich um 9 Uhr fand ich mich in der Schlange am Klinikum Fulda ein. Ich staunte nicht schlecht, als diese bereits bis zum Parkplatz parallel zur Pacelliallee reichte. Bunt gemischt reihten sich alle Altersklassen und Nationalitäten mit mehr oder weniger großen Sicherheitsabständen in die Schlange ein, was bei 15 Grad und Sonnenschein zuerst nicht wirklich problematisch schien. Gewappnet mit Kopfhörer und vollem Handy-Akku war ich doch etwas verwundert, als ich nach über einer Stunde warten meinem Ziel nicht wirklich nähergekommen war. Bis ich die Tür zum Gebäude erreicht hatte, vergingen über zwei Stunden. Der Hubschrauber landete und startete unmittelbar neben den Warteten und Rettungsfahrzeuge kreuzten die Schlange etwa alle 30 Minuten. Je näher man dem Gebäude kam, desto kleiner wurden die Sicherheitsabstände, sodass man letztendlich doch ins Gespräch mit anderen Wartenden kam, obwohl dieser Kontakt ja gerade unterbunden werden sollte. Ältere Personen ließen sich von Bekannten Stühle organisieren, eine türkische Familie, die ebenfalls in der Schlange stand, verteilte Wasserflaschen und die Zweckgemeinschaft war geboren.

Um als Diabetiker meinen Blutzuckerspiegel im Zaum zu halten, rief ich Freunde an, die mir aus meinem Auto entsprechende Medikamente brachten. Mein Fazit bis zum Erreichen des Gebäudes: Lange, chaotische Schlange mit Dutzenden potenziell positiven Corona-Fällen, kein Atemschutz, kein Personal oder offizielle Ansprechpartner, die sich um die wartenden Personen kümmerten.

Wattestäbchen kurz an die Wange - war das vorschriftsmäßig? 

Endlich im Gebäude angekommen, gab es Atemmasken und Desinfektionsmittel, aber immer noch keine "Offiziellen". Erst als ich nach knapp drei Stunden an der Reihe war und meine Versichertenkarte abgab, bekam ich Mitarbeiter der kassenärztlichen Vereinigung hinter ordentlicher Schutzausrüstung zu Gesicht. Während der langen Wartezeit las ich andere Erfahrungsberichte und erkundigte ich mich ausgiebig über den Ablauf der Testung. Was mich dann erwartete, deckte sich jedoch damit in keinster Weise. Niemand erfragte meine Symptome und der Abstrich selbst bestand lediglich aus dem Berühren meiner Wangeninnenseite mit dem Stäbchen. Kein Nasenabstrich, kein Rachenabstrich, kein Drehen des Stäbchens zur Aufnahme von Speichel. Nebst einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung gab es noch ein Merkblatt mit dem Hinweis, dass das Ergebnis in der Regel am darauffolgenden Werktag bekannt gegeben werde. Dass diese Angabe nicht realistisch ist, war mir auch zu diesem Zeitpunkt schon bewusst. Mit Mundschutz und Dokumenten konnte ich letztendlich die extra zu diesem Zweck umgebaute Garage für Rettungsfahrzeuge wieder verlassen.

Auch das noch: kein Kleingeld für den Parkautomaten

Es folgte der Versuch, mein Parkticket zu bezahlen. Jeder Parkscheinautomat am Klinikum ist mit einem EC-Karten Terminal ausgestattet. Nicht jedoch die neuen Kassenautomaten für den beschrankten Bereich westlich des Hauptgebäudes. Seit Jahren versuche ich, so gut es geht, Bargeld zu vermeiden und trotzdem halte ich für Notfälle ein Fünf-Euro Note im Auto bereit. Aufgrund der langen Wartezeit reichten diese jedoch nicht aus, um meine Parkschulden zu begleichen. Kein Problem, dachte ich mir und suchte den Sparkassen-Automaten im Empfangsbereich des Klinikums auf, woraufhin ich am Eingang vom Sicherheitsdienst mit dem Hinweis gestoppt wurde, dass das Betreten des Klinikums für Besucher nicht mehr zulässig sei. In Sichtweite des Automaten versuchte ich meine Situation zu erklären und wurde dennoch abgewiesen. Zum nächsten Automaten laufen, kam auf Grund der Quarantäne nicht Frage. Letztlich half mir wieder ein Freund aus der misslichen Lage und versorgte mich mit Bargeld.

Andauerndes Warten auf das Ergebnis

Inzwischen habe ich mich an die Situation gewöhnt, warte jedoch seit nach wie vor vergeblich auf ein Ergebnis. Auch der Brief vom Gesundheitsamt wurde bisher nicht zugestellt. Ich bleibe also zu Hause, schaue Nachrichten und nehme jede Push-Benachrichtigung mit Sorge wahr.

Fragen und Zweifel bleiben

Im Ergebnis empfinde ich persönlich, dass Fulda und der Landkreis mit dem Virus völlig überfordert ist und die Organisation der Testung eine Ansteckung sogar noch begünstigt. Ich bin medizinisch ein absoluter Laie und trotzdem kann mir weder das Internet, noch das Gesundheitsamt die minimalistische Durchführungsweise meines "Wangen"-Abstrichs erklären. Viele Fragen bleiben offen und auch, wenn ich bald den ersehnten Anruf erhalten könnte, in dem man mir mitteilt, mein Testergebnis sei negativ, bleibt ein mulmiges Gefühl. In Zeiten von Ausgangssperren spielt aber auch das bald keine Rolle mehr."

Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht? Dann schreiben Sie uns an: redaktion@osthessen-news.de  (Jonas Wenzel - Yowe) +++