75 Jahre nach der Bahnhofsbombardierung

Helmut Diegel erinnert sich: "Ich hatte so viel Angst, das ist nicht zu beschreiben"

Die Bahnhofsbombardierung jährt sich heute zum 75. Mal. Helmut Diegel erinnert sich im O|N-Gespräch ganz genau an diesen Tag.
Fotos: Laura Struppe

25.03.2020 / GEMÜNDEN (FELDA) - Palmsonntag, am 25. März 1945: Tiefflieger fliegen über den Ortsteil Ehringshausen der Gemeinde Gemünden im Vogelsbergkreis. Dann gibt es einen lauten Knall, Bahnschienen, Fenster, Dachziegel fliegen durch die Luft. Mittendrin der damals siebenjährige Helmut Diegel, der sich mit seiner Familie im Keller versteckte. Im O|N-Gespräch erinnert er sich an die Bombardierung des Bahnhofes im Zweiten Weltkrieg, die sich heute zum 75. Mal jährt.

Schon im Jahre 1944 gab es erste Angriffe auf den heute 700-Einwohner-Ort. "Ständig kamen Tiefflieger, die auf Züge schossen", erzählt Diegel. Ein Großteil der Kindheit von Helmut Diegel wurde vom Krieg überschattet, oft floh er mit seinem Opa, seiner Mutter und dem dreijährigen Bruder aus Angst vor Luftangriffen in das Versteck im Keller.

Sein Vater Otto war als Soldat im Krieg - etwa ein halbes Jahr vor Kriegsende fiel er in Ungarn. "Das war am 28. Dezember 1944. Wir bekamen aber erst im Januar 1945 Bescheid." Der Ortsgruppenleiter überbrachte Familie Diegel die schreckliche Nachricht. "Ich kann mich genau an den Tag entsinnen: Meine Mutter war im Garten und hatte Wäsche geholt, die durch die kalte Jahreszeit steif gefroren war. Sie kam mit dem Korb Wäsche ins Haus und nach der Nachricht ließ sie den Korb fallen und die Wäsche zeigte komische Figuren. Ein steiftrockener Arm ragte schräg in die Höhe. Meine Mutter ist weinend auf den Stuhl gefallen und hat nur gesagt: mein Otto, mein Otto." Nachbarn und Verwandte kamen, um die Familie zu trösten. "Die bösen Russen schießen einfach meinen Papa tot", sagte Helmut damals.



"Es ertönte ein unheimlicher Knall"

Die Luftangriffe über der Region wurden immer stärker, bis am 25. März der Höhepunkt erreicht war: Helmuts Opa, der am Ehringshäuser Bahnhof arbeitete, kam wie jeden Sonntag ganz normal zum Mittagessen nach Hause. "Dann ist er wieder los Richtung Bahnhof, wenig später kamen die Flieger." Helmut ist, wie jedes Mal, mit seiner Mutter und seinem Bruder in das Versteck in den Keller, "mein Opa hat immer gesagt, dass dort der beste Schutz wäre". Helmut legte sich auf den Boden, "ich hatte so viel Angst, dass kann man gar nicht beschreiben". Plötzlich ertönte ein unheimlicher Knall, kurze Zeit später war Ruhe.

Als die Familie nach draußen ging, sah sie das Ausmaß der Bombardierung: das Dach Richtung Bahnhof war abgerissen, die Ziegel lagen im Nachbargarten, Fenster waren raus gesprengt, viele umliegende Häuser wurden beschädigt und waren unbewohnbar. So auch der Ehringshäuser Bahnhof. "Es hieß, dass zu dieser Zeit zwei Waggongs mit Dynamit oder Sprengstoff am Bahnhof gelagert waren. Entweder flog dort eine Bombe drauf oder es wurde auf die Waggongs geschossen. Deshalb war die Explosion so schlimm, wie sie manche Soldaten im Krieg nicht erlebt hatten", erinnert sich Diegel. Seinem Opa ist glücklicherweise nichts passiert, er konnte sich auf dem Weg dorthin bei Bewohnern im Keller retten. Helmuts Mutter war schockiert: "Erst nehmen sie einem den Mann und dann schmeißen sie einem das Haus noch kaputt", sagte sie damals. Helmut und seine Familie lebten in täglicher Angst, immer wieder ging es zum Schutz in den Keller, egal ob Tag oder Nacht.



Die Amerikaner kommen

Vier Tage nach dem Angriff ging die Nachricht in Ehringshausen herum, dass Amerikaner auf dem Weg in das Dorf seien. "Auch das war schlimm" - die Familie dachte, sie müsse in der Nacht sofort das Haus verlassen und sich verstecken. "Ein Soldat meinte unterwegs zu uns, dass wir hier bleiben sollen, alles andere würde nichts bringen". Dennoch suchte die Familie, mit einigen anderen Bewohnern, einen Keller, der in die Erde gebaut war, um dort ein sicheres Versteck zu haben. Währenddessen hingen viele Ehringshäuser weiße Fahnen raus. "Ein deutscher Offizier hat herumgeschrieen und gesagt, wenn nicht sofort die weißen Fetzen wegkommen, lasse er das ganze Nest plattmachen", wurde ihm damals erzählt.

Doch soweit kam es nicht. Am 29. März, genau vier Tage nach dem Angriff, kamen die Amerikaner mit Panzern ins Dorf. Die schlimmen Zeiten waren dadurch aber nicht vergangen: "Aus Angst vor Vergewaltigungen verkleideten sich junge Mädchen als alte Omas, damit sie nicht erkannt wurden." Dennoch wurde eine Frau in Ehringshausen vergewaltigt, wie Diegel berichtet. Daraufhin verriegelten alle Bewohner ihre Türen und Fenster.  Dennoch: "Die Angst fiel so langsam ab. Ich dachte mir: selbst wenn Flieger kommen, die werden doch nicht ihre eigenen Leute bombardieren", erzählt uns Helmut am Ende. In Deutschland endete der Zweite Weltkrieg etwa eineinhalb Monate später, am 8. Mai 1945. (Luisa Diegel) +++