Brisantes Stück von Lot Vekemans

Standing Ovations für Samuel Koch als Judas im Fuldaer Schlosstheater

Samuel Koch beeindruckte in seiner Rolle als Judas
Fotos(6):Christian Kleiner

13.02.2020 / FULDA - Im Fuldaer Schlosstheater ging es am Dienstagabend um den berühmtesten Verräter aller Zeiten: Judas. Die Zuschauer in den nahezu vollbesetzten Reihen bekamen aber nicht nur seinen Monolog geboten. Sie sahen auch einen brillanten Samuel Koch, der dem Verräter seine Mimik, seine Stimme und auch seine Sympathie lieh.

"Ich bin Judas!", ruft Samuel Koch, bevor er die Bühne durch dichten Nebel verlässt, der durch die hellen Spotlights fast silbrig leuchtet. Es folgt nicht enden wollender Applaus. Standing Ovations. Das Publikum im fast ausverkauften Schlosstheater ist begeistert. Zum einen von dem Monolog, den Samuel Koch als Judas gerade auf der Bühne vorgetragen hat und der aus der Feder der Holländerin Lot Vekemans stammt. Zum anderen aber auch von der schauspielerischen Leistung, die der 32-Jährige allein mit seiner Mimik vollbracht hat. Seine Beine und große Teile seines Körpers sind gelähmt, seitdem Koch 2010 in der Fernsehshow „Wetten, dass …?“ mit speziellen Sprungstiefeln über ein fahrendes Auto springen wollte.

Seine Arme kann Koch mittlerweile wieder bewegen. Dass er den von ihr beschriebenen Judas ansonsten lediglich mit seinem Gesichtsausdruck und seiner Stimme zum Leben erweckt, beschreibt die Autorin Vekemans im Gespräch mit OSTHESSE|NEWS aber nicht als Beschränkung. „Im Gegenteil: Es war eine Verstärkung“, sagt sie. Ihr Stück vor so viel Publikum – mehr als 600 Menschen sind gekommen – zu sehen, sei toll gewesen. „Ich bin sehr froh, dass ich heute Abend hergekommen bin.“

70 Minuten, bevor sie diese Aussage trifft, ist Koch im Rollstuhl auf die schwarz verkleidete Bühne gekommen. Barfuß. In schwarzer Kleidung. Sein sonst blonder Schopf wurde zuvor von der Maske in einen kahlrasierten Schädel verwandelt. Auf eben diesen sind die Scheinwerfer gerichtet. Um ihn herum hängen zehn ebenso kahlrasierte Schädel, die zeitweise plötzlich zu sprechen beginnen. Koch soll die menschliche Seite Judas‘ zeigen. Das hat Vekemans sich von ihrem Stück gewünscht. Sie wollte einem, über den immer gesprochen wird, der aber nie selbst spricht, eine Stimme geben. Ihn als Menschen zeigen. Als Menschen, der geboren wurde, der gelebt hat, der gestorben ist. Als jemanden, der ein differenzierteres Bild verdient hat, als Kunst und Menschheit ihm bis heute zugesteht - nämlich bislang nur als hässliche Fratze. „Das, was er getan hat, muss doch einen menschlichen Grund gehabt haben. Ist das angekommen?“, fragt sie in der Pause im Foyer des Schlosstheaters.

Das ist es. Selbst in der letzten Reihe spürt das Publikum den Schmerz, den Samuel Koch als Judas erleidet. Er weint sogar, als er darüber spricht, wie das Leben seines Freunds und Meisters Jesus zu Ende geht. „Dem einzigen Messias“. Im Nachgespräch wird Koch sagen, dass er als gläubiger Mensch denkt, blasphemische Anteile in dem Stück entdeckt zu haben. Nicht nur deshalb provoziert das Stück. Auch das Bühnenbild selbst und die Effekte, die in dem dunklen Raum eingesetzt werden, verwirren. Die 70 Minuten muss man erstmal sacken lassen. Es fallen Sätze wie „Wenn man nichts tut, kann man nichts falsch machen. Auf welcher Seite hättet ihr gestanden? Mit Palmwedeln am Gehsteig oder hinter der Fensterscheibe?“ oder „Zweifel sind ein Ansturm zu Taten. Wer glaubt, braucht keine Aktion. Wer zweifelt schon“. Das alles sagt Koch mit durchdringenden Blick und auffordernder Stimme. Die Technik lässt manchmal das Licht in die Publikumsreihen scheinen. So, dass sich jeder einzelne darin angesprochen fühlt, aufgefordert, über das Gesagte nachzudenken.

Das schafft auch das Nachgespräch, für das im Anschluss nicht nur der Schauspieler und die Autorin die Bühne betreten, sondern auch die evangelische Bischöfin von Kurhessen-Waldeck, Dr. Beate Hofmann, und Fuldas katholischer Bischof Dr. Michael Gerber.

Gemeinsam mit Theaterleiter Christoph Stibor lassen sie das Gesagte Revue passieren. Sprechen über Vergebung. Darüber, ob man sich selbst vergeben kann. Ob man so seinen inneren Frieden finden kann. Ob man nicht ein Gegenüber braucht, das einem das abnimmt. Ob ein Dialog gebraucht wird. Oder ob der mit sich selbst dafür ausreicht. „Ich glaube, wir würden uns beschränken, wenn wir einen anderen dafür brauchen“, so die Autorin.

Im Stück jedenfalls verlässt Judas die Bühne und hat sich selbst vergeben. „Ich bin Judas", sind seine letzten Worte. Und diese spricht er mit Stolz aus. Dieser Stolz steht für Selbstvergebung. Im dichten Nebel geht eine Figur von der Bühne, die eigentlich zum Inbegriff des Bösen geworden ist und vielleicht auch die wieder wachsenden antisemitischen Tendenzen befördert hat. Aber es geht auch eine Figur, der Samuel Koch mit den von Lot Vekemans niedergeschriebenen Worten eine menschliche Seite gegeben hat. Eine, die Schmerzen erleidet. Aber auch eine, dessen Beweggründe womöglich für immer im Dunklen liegen. (Suria Reiche) +++