Wider das Vergessen

"Sie waren unsere Nachbarn": Begegnungen mit persönlichen Schicksalen

In Dr. Heinrich Nuhns Buch, das den Titel "Sie waren unsere Nachbarn" trägt, erhalten Hersfelds jüdische Familien ein Gesicht.
Fotos: Stefanie Harth

03.12.2019 / BAD HERSFELD - Josef Bacharach. Sussmann Goldschmidt. Jakob Hahn. Jakob Nussbaum. Julius Oppenheim. Levi Tannenberg. In Dr. Heinrich Nuhns Buch, das den Titel "Sie waren unsere Nachbarn" trägt, erhalten Hersfelds jüdische Familien ein Gesicht. In seinem Werk widmet sich der in Rotenburg an der Fulda ansässige Historiker der Geschichte und dem Schicksal der ehemals in der Lullusstadt lebenden Juden.

"Jeder dritte jüdische Bürger, der hier lebte, hat sein Leben verloren. Am 30. Mai 1942 endete der Abschnitt jüdischen Lebens in der Lullusstadt mit der Deportation der letzten sieben Hersfelder Juden", sagt der gebürtige Niederaulaer, der mit seiner Arbeit einen wertvollen Beitrag dazu leistet, das Andenken an "unsere einstigen Nachbarn" zu wahren. "Die Nachgeborenen sind nicht verantwortlich für das, was geschah. Aber sie sind verantwortlich für das Erinnern – dieses Buch soll dabei helfen", unterstreicht der 81-jährige Autor.

Gerade mal über zwei Generationen erstrecke sich der dritte Zeitabschnitt der jüdischen Geschichte in Hersfeld – "aber dafür sehr intensiv", erläutert Nuhn. Ab 1870 hätte sich die Stadt vor allem für jüdische Familien aus der Region zu einem begehrten Wohn- und Geschäftsort entwickelt. "Bis 1925 wuchs die jüdische Gemeinde auf 326 Mitglieder an."

Dem Leser vermittelt das reichlich bebilderte Buch auf 300 großformatigen Seiten eine Art Kaleidoskop des einstigen jüdischen Lebens in Hersfeld, das in bewegenden Einzelschicksalen die Verbundenheit der jüdischen Familien mit der Stadt und deren Verdienste um die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung aufzeigt. Im Vordergrund steht das Mitprägen des gesellschaftlichen Lebens durch jüdische Bürger. Das bedeutet nicht, dass die Verbrechen der Nazizeit in den Hintergrund rücken – vielmehr wird die Schoah dem Leser implizit ins Gedächtnis gerufen.

Bürgermeister Thomas Fehling betont in seinem Geleitwort: "Zu unserer Stadtidentität gehören nicht nur die Stiftsruine mit den Festspielen oder das Lullusfest; zu unserer Stadtidentität gehört auch, dass wir uns an die Menschen erinnern, die vor 80 Jahren aus unserer Stadt vertrieben worden sind..." Dekan Dr. Frank Hofmann bekräftigt: "Indem dieses Buch an Alltäglichkeit und relative Normalität erinnert, indem es ehemalige Hersfelder Nachbarinnen und Nachbarn mit ihren individuellen Lebensgeschichten dokumentiert, bewahrt es zugleich das ehrende Andenken an die Ermordeten…"

Würdigende Geleitworte haben zudem Angela Dorn, Hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst, sowie Kultusminister Professor Alexander Lorz beigesteuert. "Sie waren unsere Nachbarn – Hersfelds jüdische Familien" ist für 20 Euro im Buchhandel erhältlich. (sh) +++