"Wir sind maßlos enttäuscht"

Helge Braun in Alsfeld: Landwirte zeigen Flagge und protestieren gegen Agrarpaket

Die Landwirte sind mit dem Agrarpaket alles andere als einverstanden.
Fotos: Luisa Diegel

10.11.2019 / ALSFELD - "Mit den immer mehr werdenden Auflagen und Forderungen können wir so nicht mehr weitermachen", spricht Volker Lein den Landwirten aus der Seele. Bauern aus dem ganzen Vogelsberg, der Wetterau und Marburg haben sich am Samstagnachmittag zu einer Demo zusammengeschlossen, um gegen das neue Agrarpaket auf die Straße zu gehen. Anlass war der Besuch das Kanzleramtsministers Helge Braun in Alsfeld.

Anlässlich einer CDU-Mitgliederversammlung in Alsfeld kam hoher Besuch: Kanzleramtsminister Helge Braun aus Berlin. Die Landwirte aus der Region und darüber hinaus nutzten diesen Anlass, um dem Minister klar zu machen, was sie von der aktuellen Politik und dem Agrarpaket halten:"Wir sind maßlos enttäuscht, über das sogenannte Agrarpaket, welches von Ihren beiden Ministerinnen Schulze und Klöckner geschürt wurde. Besonders die geplanten Regelungen zum Insektenschutz werden unsere hessischen Landwirte und ebenso die Besitzer der landwirtschaftlichen Flächen treffen - und das alles ohne gesicherte Faktenlage zur tatsächlichen Entwicklung der Insektenpopulation und zu den Ursachen dieser Entwicklung", heißt es in einem offenen Brief des Kreisbauernverbandes Vogelsberg.



Doch nicht nur die Regelungen zum Insektenschutz machen den Landwirten zu schaffen. Sie kritisieren außerdem das Anwendungsverbot von Pflanzenschutzmittel in den FFH-Gebieten. Diese Einschränkungen durch eine "moderne Art der Politik" zerstöre mit einem Federstrich zu vertrauensvolle Zusammenarbeit. "Auch der Gewässerrandstreifen von zehn Metern für die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln anstelle der bisher gültigen vier Meter bedeuten faktisch, dass auf diesem Ackerstreifen kein Ackerbau mehr betrieben werden darf. Eine Begrünung von fünf Metern macht den Streifen wertlos, ganz zu schweigen von sich ausbreitenden invasiven Arten."

Damit für die Demonstranten nicht genug: "Als Sahnehäubchen obendrauf erhalten wir ein freiwilliges Tierwohllabel, welches von der Realität längst überholt worden ist." Sie fordern eine EU einheitliche Haltungsverordnung für die Nutztiere sowie ein Importverbot für alle Produkte, die nicht nach Standards hergestellt werden. "Doch davon sind wir politisch meilenweit entfernt."



Zusammenfassend: "Wir als Landwirte fühlen uns politisch verschachert und verkauft. Wir werden als Sündenbock für gefühlt alle Umwelt- und Tierhaltungsprobleme verantwortlich gemacht." So würde das Land seine Bauern verlieren. Deshalb appellierten sie an Braun: "Stoppen Sie dieses Gesetzespaket! Wir wollen nicht als Landwirtschaftsgärtner enden!"



Braun bereit für Gespräche

Mit Bedacht hörte der Kanzleramtsminister den Bauern zu und kündigt seine Gesprächsbereitschaft an. "Mein Angebot gilt. Wir können uns gerne Mitte Dezember zu einem ruhigen Termin treffen und schauen, wo wir dann stehen." Braun erhofft sich nämlich von dem Landwirtschafts-Gipfel am 2. Dezember, Wege zu finden, um gemeinsam Ziele zu erreichen. "Wir müssen über vieles reden." Beispielsweise, dass das Tierwohllabel europaweit gilt, "da müssen wir uns durchsetzen". Auch er sieht ein, dass die "Belastungen härter geworden" sind. Deshalb möchte sich Braun auch in den kommenden Wochen selbst ein Bild von der aktuellen Situation machen - und zwar in zwei ausgewählten Betrieben im Vogelsberg.

Doch so lange sich nichts ändern wird, werden die Landwirte weiter bundesweit friedlich demonstrieren: "Wir sind an einem Punkt angekommen, wo das Maß voll ist. Deshalb werden wir nicht aufhören", kündigen sie an. Und das schon nächste Woche, bei der Umweltkonferenz in Hamburg. (Luisa Diegel) +++