30 Jahre Mauerfall

Flucht übers Minenfeld: "Point Alpha"-Initiator Berthold Dücker im O|N-Gespräch

Berthold Dücker greift an der Grenzgedenkstätte Point Alpha um einen verwitterten Grenzpfosten. Point Alpha gilt als eine der eindrucksvollsten Grenzgedenkstätten zur deutschen Teilung. Dücker hat sich für den Erhalt des historischen Orts besonders verdient gemacht.
Foto: picture alliance/dpa / Uwe Zucchi

07.11.2019 / GEISA - „Wie? Deutschland war einmal geteilt?“ – „Erich Honecker war kein Bundeskanzler?“ – „Die Mauer hat gar nicht Willy Brandt gebaut?“: Mit solch hanebüchenem Unwissen werden die Gästeführer der „Point Alpha“-Gedenkstätte zwischen dem hessischen Rasdorf und dem thüringischen Geisa gerade bei Schülerbesuchen regelmäßig konfrontiert. Viele der jungen Leute haben offenbar keinen Schimmer von der jüngsten deutschen Geschichte. „Dabei muss man doch wissen, woher man kommt, um zu wissen, wohin man zu gehen hat“, sagt der Journalist und „Point Alpha“-Initiator Berthold Dücker, dem im Jahr 1964 als 16-Jähriger eine tollkühne Flucht aus der DDR gelang.

Wir treffen den heute 72-Jährigen in seinem Haus in Geisa. Neben seiner uralten Schreibmaschine der Marke Mercedes liegt sie noch: die Kneifzange, mit der Dücker damals den Stacheldrahtzaun durchtrennte. „Niemand geht ja gern von zu Hause weg, wenn es nicht Nöte und Zwänge gibt. Aber ich wollte ein selbstbestimmtes Leben in Frieden und Freiheit“, sagt Dücker und zieht Parallelen zur aktuellen Flüchtlingssituation: „Wenn man sich in ein überfülltes Boot im Mittelmeer setzt, ohne zu wissen, ob man überhaupt ankommt, dann muss die Not schon groß sein.“

Der im katholischen Geismar aufgewachsene Dücker beschreibt das vergiftete Klima in der DDR-Diktatur, wo die Bürger zu „Hass, Verrat und Misstrauen erzogen“ wurden. Von seinen Eltern wurde ihm eingeschärft: „Pass auf, was du sagst! Sonst bringen die uns von Haus und Hof.“ Wer sich offen gegen das verbrecherische Regime stellte, bekam die ganze Härte der Stasi zu spüren. So sei es zum Beispiel in den Jahren 1952 und 61 unter den Decknamen „Ungeziefer“ und „Kornblume“ (= Unkraut) zu Zwangsaussiedlungs-Aktionen gekommen. „Allein in Thüringen wurden 5.000 Familien ins Landesinnere verfrachtet, wo sie unter oft unwürdigen Umständen leben mussten und als Kriminelle dargestellt wurden.“

Ein wichtiges Instrument des Staatsapparates war die Propaganda. „Es gab hinter vorgehaltener Hand einen Witz“, erinnert sich Dücker. „Was liegt auf der Treppe und lügt? Das ,Freie Wort‘, das Parteiorgan der SED, wo gerademal noch das Datum oder ein Sportergebnis stimmte.“ Kein Wunder, dass Dücker Senior aus allen Wolken fiel, als der Sohnemann erklärte, er wolle nach der Mittleren Reife Journalist werden. „Der Wunsch danach entstand durch unseren verbotenen Konsum des Westfernsehens. Da gab es Auslandskorrespondenten, die in alle Welt reisen und frei über alles sprechen durften. Genau das wollte ich auch.“

„Es ist zwar meine Heimat – aber nicht mein Land.“ Also reifte in dem 16-Jährigen der Entschluss zur Republikflucht, ohne auch nur ein Sterbenswörtchen zu seinen Eltern und den beiden älteren Brüdern zu sagen, denn auch Mitwisser wurden hart bestraft. „Ich war damals ein Muttersöhnchen und wusste, dass sie damit nicht fertig werden würde. Also habe ich die Flucht immer wieder herausgezögert.“ Bis zu jenem Sommertag am 24. August 1964.

Man kann kaum zählen, wie oft Berthold Dücker seine Flucht schon beschrieben hat, und doch erzählt er diese Geschichte immer noch so mitreißend und emotional, dass der Zuhörer wie gebannt an seinen Lippen hängt und das Kopfkino losgeht. Er beschreibt, wie er sich von einer Kuhweide unbemerkt von zwei DDR-Grenzsoldaten zum ersten Stacheldrahtzaun stahl, diesen mit einer Kneifzange durchtrennte und dann bäuchlings über ein Minenfeld robbte, wo die Sprengkörper in einer Viererreihe versetzt positioniert waren. „Ich dachte mir: Wenn ich laufe, zerfetzt es mir ein Bein, und ich muss elendig und qualvoll verrecken. Aber wenn mir gleich der Kopf wegfliegt, bekomme ich vielleicht nichts mit.“

Bis Berthold Dücker es zu einem zweiten Stacheldrahtzaun schaffte, dauerte es ein paar Minuten. „Für mich hat sich das aber endlos angefühlt.“ Nun galt es noch, das sogenannte Niemandsland bis zur eigentlichen Grenze zu überwinden, wo die DDR-Posten freies Schussfeld hatten. „Dort bin ich dann über weitere Stacheldrähte gestolpert, habe einen Schuh verloren, bis ich schließlich im hessischen Setzelbach ankam. Ich habe geblutet wie ein Schwein, war über und über verdreckt und völlig panisch.“

Die folgenden Tage, Wochen und Monate im Zeitraffer: Berthold Dücker wird zunächst von einem verdutzten Bauern und dann von zwei noch verdutzteren bundesdeutschen Zollbeamten in Empfang genommen. Es geht über Hünfeld und Fulda weiter nach Gießen in ein Flüchtlingslager und wieder zurück nach Fulda, wo Dücker Verwandte hat, die er aber nicht behelligen will. Also zieht er völlig mittellos ins frühere Kolpinghaus in der Florengasse. Gelegenheitsjobs neben einer Lehre als Schriftsetzer bei der Fuldaer Zeitung, die er aber krankheitsbedingt abbrechen muss.

Dückers große Stunde schlug, als ihm der Chefredakteur der Fuldaer Volkszeitung, Heinrich Kierzek, mehr oder weniger „aus Mitleid“ ein Volontariat anbot. „Da war ich am Ziel meiner Träume.“ Es folgten Posten als Redakteur und Chefredakteur an verschiedenen Blättern, bis er nach Jahren der Trennung von seiner Familie (die geliebte Mutter war schon 1975 – wohl auch aus Kummer über die Flucht ihres Jüngsten – gestorben) zusammen mit seiner Frau Melitta wieder in die thüringische Rhön zurückkehrte, wo er 1993 den Posten des Chefredakteurs bei der Südthüringer Zeitung (stz) antrat. „Da schloss sich für mich der Kreis.“

Schon in seiner Fuldaer Volontariats-Zeit hatte Berthold Dücker erste Kontakte zum Grenzübergang Point Alpha, der wichtigsten Hoch- und Beobachtungsstation der Amerikaner im Kalten Krieg an der innerdeutschen Grenze inmitten des berühmt-berüchtigten „Fulda gab“. Dort befürchtete der Westen wegen der geopolitischen Lage zuerst einen möglichen Angriff der Truppen des Warschauer Pakts.

Vor allem Dückers Leitartikeln als stz-Chefredakteur, seinem persönlichen Engagement und der Unterstützung des damaligen thüringischen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel (CDU) ist es zu verdanken, dass der Ort als Mahn-, Gedenk- und Begegnungsstätte gegen das Vergessen erhalten blieb, anstatt ihn dem geplanten Abriss preiszugeben. Dafür bekam Dücker unter anderem das Bundesverdienstkreuz erster Klasse. Zur ersten Verleihung des von ihm initiierten „Point Alpha“-Preises 2005 reisten die drei Architekten der Wiedervereinigung, Helmut Kohl, George Bush Senior und Michael Gorbatschow, persönlich an.

Dass 30 Jahre nach dem Mauerfall die Einheit in den Köpfen mancher immer noch nicht vollzogen ist, erklärt Berthold Dücker mit der mangelnden Auseinandersetzung mit der DDR besonders an Schulen. „Das Thema steht zwar eigentlich auf dem Plan, aber wie oft sagen mir Lehrer: ,Wir sind ja froh, wenn wir am Ende des Schuljahrs das Dritte Reich abgearbeitet haben.‘ Das nenne ich Staatsversagen“, sagt Berthold Dücker, „und das rächt sich, auch bei Wahlen – siehe Thüringen.“ (Matthias Witzel) +++