30 Jahre Mauerfall

"Wo waren Sie am 9. November 1989?" - sechs spannende Geschichten

SPD-MdB Michael Roth
Foto: O|N

09.11.2019 / REGION - Es gibt weltpolitisch bedeutsame Ereignisse von solcher Wucht, dass eigentlich jeder sich erinnern kann, wo ihn genau diese Nachricht erreichte und welche Gefühle sie ausgelöst hat. So ist das für die Älteren unter uns bestimmt mit der Mondlandung oder dem 11.09.2001. Für die allermeisten Deutschen wird aber der 9. November 1989 tief im Gedächtnis verankert bleiben, der Tag, an dem das Ende der DDR definitiv vorhersagbar wurde: in der Nacht vom 9. November auf den 10. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Wir haben Menschen unserer Region gefragt, wo sie an diesem historischen Tag waren und wie sie die Sensation ganz subjektiv erlebt haben. Wann haben sind sie das erste Mal nach der Grenzöffnung in den Osten gefahren, wie fühlte sich das an? Lesen Sie sechs spannende Geschichten, sechs Momentaufnahmen von diesem historischen Ereignis.

Michael Roth, geboren 24. August 1970, SPD-MdB und Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt, :
"Ob Sie es glauben oder nicht: ich nahm an einer Informationsreise meines SPD-Ortsvereins Heringen nach Bonn teil. Der damalige SPD-Bundestagsabgeordnete Berthold Wittich hatte uns eingeladen. Wir saßen an diesem Abend eine Stunde im sogenannten Bonner Wasserwerk, dem provisorischen Plenarsaal des Bundestages. Wir Heringerinnen und Heringer waren überrascht, erfreut, aber auch ziemlich aufgeregt. Wir befürchteten ein militärisches Eingreifen der Sowjetunion. Wir alle wollten nur noch zurück in die nordosthessische Heimat. Nicht in Bonn sondern an der innerdeutschen Grenze wurde Geschichte geschrieben.

Ich stand damals kurz vor dem Abitur. Mit meiner Freundin Manuela machten wir im himmelblauen Opel Ascona ihrer Eltern den Osten unsicher. Wir fuhren über Land bis nach Eisenach und entdeckten eine für uns weitgehend unbekannte Welt. Es roch anders, schmeckte anders, sah anders aus, aber irgendwie war es auch vertraut. Es war ein großes, wunderbares Abenteuer. Einmalig! Erstmals „drüben“ war ich vermutlich mit unserem damaligen Heringer SPD-Vorsitzenden Albert Thornagel. Wir halfen beim Aufbau der SPD im benachbarten Berka.

Werner Döppner, geboren 1950 in Fulda, Künstler: "Von 1988 bis 91 lebte ich mit meiner Frau in Kairo/Ägypten. Wir erfuhren per Telefon über unsere Kontakte in Deutschland vom Mauerfall und von den Ereignissen im fernen Fulda. Da wir deutsches Fernsehen in Ägypten nicht empfangen konnten, war es nur möglich, über CNN und die Deutsche Welle den aktuellen Ereignissen zu folgen. Die ersten bewegten Bilder standen uns 2 Wochen nach dem Mauerfall zur Verfügung. Über die sog. Botschaftspost - diese wurde in vierzehntägigem Rhythmus zugestellt - gingen uns Videoaufnahmen aus Deutschland zu. Geduld war also angesagt.

Interessant war aber die Situation vor Ort an der Deutschen Schule der Borromäerinnen in Kairo, an der ich unterrichtete. Zum Kollegium gehörten Frauen, die Ägypter geheiratet hatten und auf diesem Weg die DDR unmittelbar nach der Heirat hatten verlassen können. Wir alle konnten es nicht fassen, was geschehen war. Viel mehr beschäftigte uns bis zum Mauerfall die fragile politische Lage im Nahen Osten. Das änderte sich nun.

Spannend war dann der erste Heimataufenthalt nach dem Mauerfall im Sommer 1990. Mit meinem Vater fuhr ich das erste Mal in meinem Leben über die „Zonengrenze“ nach Buttlar. Ich fühlte mich in die 50er Jahre versetzt, in die Zeit meiner Kindheit, und war fassungslos, wie unterschiedlich Menschen lebten, nur wenige Kilometer voneinander entfernt. Und dann der Geruch von Braunkohle, überall wo wir waren, roch es nach ihr.

Ich hatte es nie für möglich gehalten, dass ich irgendwann mal einen Fuß in den Teil der Rhön setzen konnte, der so nah war, aber für immer unerreichbar schien. Hier spürte ich, was geschehen war. Ein Wunder!"

Tobias Sammet, geboren 21. November 1977 in Fulda, Sänger, Komponist, Musikproduzent:
"Ich war damals zu Hause und erst elf Jahre alt, fand aber erschreckend, Menschen in einem Land einzusperren und zu erschießen, wenn sie spontan mal keine Lust mehr auf Karl Marx und Sozialismus hatten. Das war starker Tobak, so toll konnte das Konzept ja dann nicht sein. Ich hing vor’m Fernseher und sah, wie gefühlt zehntausende Leute vor Freude weinten, weil es zu Ende war. Die Bilder haben sich eingebrannt.

Ich war im Dezember 1989 mit meinen Eltern in Thüringen und fand es irgendwie spannend, aber auch nicht ganz so schön wie zu Hause oder im Zillertal was auch daran lag, dass die Limo im Restaurant anders schmeckte, dass es keine Pommes Frites gab und auch kein Eis; da liegen bei einem Kind nun mal die Prioritäten. Von da an war ich auch für die thüringischen Kinder froh, dass der Spuk vorbei war und es bald Pommes und Eis gäbe. Vielleicht war diese Sicht arrogant, aber man wusste es auch nicht besser. Und dass dann halt irgendwann alle dick sind.

Cornelia Zuschke, geboren 25.2.1961, ehemalige Stadtbaurätin Fulda, Baudezernentin Düsseldorf: "Ich habe in Weimar auf dem Platz vor der Musikhochschule mit Hunderten für die Grenzöffnung demonstriert. Mein Ausreiseantrag war kurz vorher genehmigt worden, wir mussten aber noch warten, da wir nicht alle Unterlagen für die Ausreise hatten. Wir standen demonstrierend mit unseren Kids (2 1/2 Jahre) auf den Schultern auf dem Platz, als jemand schrie: 'Die Mauer geht auf - Krenz dankt ab!' Tränen.... Es war dunkel und die Straßen waren feucht - ich vergesse ihn nie, den Moment!

Ich bin dann einige Wochen später, offiziell bereits seit Monaten ausgebürgert, ausgereist und habe im Ruhrgebiet zunächst Fuß gefasst, es war ernüchternd, aus dem schönen Weimar ins Ruhrgebiet zu kommen: schwarze Häuser, Halden, aktiver Bergbau. Wir haben sofort Arbeit gesucht und kamen im Frühjahr dann nach Fulda, das ich lieben gelernt habe = Heimat."

Carina Jirsch, geboren 15. 4.1978 in Köthen, O|N-Fotografin: "Wie viele andere Millionen Menschen in Ost und West saß auch ich am Abend des 9.11.1989 mit meiner Familie angespannt vor dem Fernseher, als das Ende der DDR besiegelt wurde. Trotz meiner 11 Jahre waren ich und mein zwei Jahre älterer Bruder von unseren Eltern politisch aufgeklärt erzogen worden. Wir hatten West-Verwandtschaft und waren unter anderem schon deswegen im Visier der Behörden. Ich spürte, dass in dieser Nacht etwas unglaublich Großes vor meinen Augen passierte. Die ersten Veränderungen in unserem Land habe ich durch die Menschen-Bewegungen der vorhergehenden Wochen mitbekommen. Auch meine Eltern nahmen uns an die Hand, um montags friedlich zu demonstrieren. 

Ungläubig sah ich, wie der erste Grenzübergang geöffnet wurde und DDR Bürger die BRD betraten. Ich schaute meine Eltern mit großen Augen an und fragte sie aufgeregt, ob die Mauer jetzt für immer weg sei. Sie wussten es auch nicht.
Meine Gedanken drehten sich schnell um meine Tante und zwei Cousins, die ein paar Wochen vorher über die Prager Botschaft ausgereist waren. Auch meine Freundin war mit ihrer Familie 1988 in die BRD ausgewandert. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich befürchtet, dass ich sie nie wieder sehen würde. Jetzt gab es einen Schimmer Hoffnung und meine Tränen kullerten...

Unsere Nachbarn stießen mit Sekt zu uns, aber es gab keine Euphorie, sondern nur absolute Ungläubigkeit. Keiner von uns konnte sich vorstellen, dass die Mauer jetzt für immer weg sein sollte. Kopfschütteln. Als ich am nächsten Tag aus der Schule kam, setzte ich mich sofort wieder gebannt vor den Fernseher. Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass alles rückgängig gemacht worden war und die Mauer wieder steht. Aber mittlerweile schienen immer mehr Menschen nach Westberlin zu strömen.

Meine Eltern fingen nun auch an darüber nachzudenken, mal ganz kurz gucken zu fahren, bevor die Mauer wieder verriegelt wird. Natürlich haben mein Bruder und ich sie angebettelt, uns teilhaben zu lassen. Ich wollte nur einmal in meinem Leben Leuchtreklame mit meinen eigenen Augen sehen. Sie überlegten den ganzen Tag, regelten ein paar Dinge und fanden dann letztendlich den Mut, mit uns am nächsten Tag die Reise anzutreten. Schlafen konnten wir bei dem Paten-Cousin meines Vaters in Westberlin.

Am Samstag, dem 11.11. wurde meine 1,5 Jahre alte Schwester morgens zu den Eltern meines Vaters gebracht, mein Onkel holte meine andere Oma ab und wir machten uns zu sechst auf den Weg zum Bahnhof. Der Zug war überfüllt mit DDR-Bürgern, die genauso wie wir nur ein Ziel hatten. Es ist schwer, diese eigenartige Stimmung zu beschreiben. Ich saß zusammengekauert auf dem Schoß meiner Mutti und fühlte die Angst der Menschen. Wir hatten sie auch.

In Westberlin angekommen, drängelten sich die Leute panisch aus dem Zug. Meine Oma hat in dem Getümmel ihre Handtasche fallen gelassen, aber keiner nahm Rücksicht und ständig stolperten Menschen über mich, als ich versuchte, den Inhalt wieder einzusammeln. Es war beängstigend. Wieder aufgestanden liefen wir, wie Ameisen, an den Barrikaden entlang in Richtung KuDamm. Die Treppe nach oben schien unendlich lang zu sein. Es war schon dunkel als ich das erste Mal westdeutsche Luft schnupperte. Ich war überwältigt; so wunderschön hatte ich mir Leuchtreklame in echt nicht vorgestellt. Einfach unvergesslich und noch heute fasziniert mich der Anblick von blinkenden Fassaden. Der KuDamm war brechend voll. Von LKWs warfen sie uns Zigaretten, Bananen und Süßigkeiten in die Arme. Schlaraffenland. 

Der Paten-Cousin nahm uns in die Arme und führte uns zu seiner Wohnung. Leider durften mein Bruder und ich nicht mit an die Mauer, da meine Eltern panische Angst hatten, dass uns etwas passieren könnte. Damals war ich sauer, aber heutzutage kann ich das völlig nachvollziehen. Zu diesem Zeitpunkt hatten die DDR Soldaten immerhin noch einen Schießbefehl. 

Sie erzählten uns am nächsten Morgen von ihrer ereignisvollen Nacht. Sie erlebten Mompers Rede, standen an der Stelle, wo ein Kran das erste Stück Mauer entfernt hat und gaben einem jungen Grenzsoldaten eine Zigarette durch ein Loch in der Mauer, der sich immer noch nicht traute, seine Position zu verlassen. 

Wir frühstückten und machten uns auf den Weg zu einer Bankfiliale, um die 100 D-Mark Berüßungsgeld abzuholen. Meine Oma holte sich davon eine Kugel Eis und Lakritze. Wir gaben unser Geld nicht aus. Nun mussten wir wieder zurück nach Hause, genau wie all die anderen tausenden Ossis. Wir warteten stundenlang auf einen Zug, der mal nicht wegen Überfüllung vorbeifuhr. Erst in den Morgenstunden kamen wir total übermüdet in Köthen an. Meine Eltern gingen gleich zur Arbeit. Mein Bruder und ich durften zum allerersten Mal die Schule schwänzen. Nichts war mehr so, wie wir es kannten.


Carmen Kunze geboren 20. Juni 1965, damals Nachrichtentechnikerin in Eisenach, jetzt wohnhaft in Wildeck-Hönebach: "Als ich nach der Arbeit nach Hause gekommen bin, haben mich meine Eltern informiert, ich war völlig perplex und den Tränen nah. Erst nachdem ich die Nachrichten im heute-Journal sah, konnte ich es glauben, aber trotzdem nicht fassen. Natürlich überlegten wir, uns sofort auf den Weg zu machen, verwarfen die Idee aber, da bestimmte Papiere für die Ausreise von Nöten waren. Diese konnten wir erst am nächsten Tag bei der Polizei besorgen. Am 11.11 machten wir uns morgens um vier Uhr auf den Weg gen Westen, eine Trabi-Kolonne überflutete den Grenzübergang Eisenach-West. Als wir dann im Westen waren, erzeugte dies einen Gänsehautmoment. Nach zwei Stunden erreichten wir Herleshausen, wo wir das Begrüßungsgeld in Empfang nahmen. Anschließend fuhren wir zu unseren Verwandten in Ronshausen, Breitenbach und Braach, ein unvergessliches Erlebnis."+++