Die Welt vor der Haustür bewegen

Khulud Sharif-Ali ist Bildungskoordinatorin für Neuzugewanderte

Khulud Sharif-Ali koordiniert seit Oktober letzten Jahres Bildungsangebote für Neuzugewanderte.
Foto: D. Heydenreich

19.06.2017 / FULDA - „Es reicht nicht, kultursensibel zu sein, wenn man das Fremde verstehen will“, sagt Khulud Sharif-Ali, „man muss auch die Begegnung suchen und miteinander reden.“ Die 27-jährige gebürtige Somalierin ist seit Oktober letzten Jahres Bildungskoordinatorin für Neuzugewanderte im neuen Bildungsbüro des Landkreises Fulda und eröffnet eine Serie auf den „Kreisseiten“, mit der die Internationalität in der Region in den Fokus genommen wird.

Internationalität sowie Migrations- und Integrationsfragen beschäftigen Khulud Sharif-Ali bereits seit ihrer frühen Jugend. Schon als Teenager hat sie sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagiert. In 2015 - dem Jahr der Flüchtlingskrise - habe sie oft bis zu zwölf Stunden am Tag in Erstaufnahmeeinrichtungen als Übersetzerin geholfen. Die Bildungskoordinatorin spricht Deutsch, Englisch, Somali, Hindi und auch ein wenig Arabisch. 1995 war sie selbst mit ihren Eltern und Geschwistern auf der Flucht. Ihr Weg führte sie von Mogadishu, der Hauptstadt Somalias, zunächst nach Frankfurt am Main; dann weiter nach Hattenhof in das damalige Asylantenwohnheim, in dem die Familie ein Jahr lang lebte, bevor sie nach Fulda umzog.

Sharif-Ali besuchte die Dalbergschule und später das Domgymnasium. Nach dem Abitur studierte sie in Würzburg Bildungswissenschaften und Indologie. Ihr Interesse für Außenpolitik führte sie im Rahmen verschiedener Praktika ins Außenministerium nach Berlin, zu den Vereinten Nationen nach New York sowie nach Indien. Dort arbeitete sie zunächst mit Kindern und Jugendlichen und absolvierte später ein Forschungspraktikum zur akademischen Professionalisierung der Erwachsenenbildung in Nord- und Südindien.

Sharif-Ali ist Mutter einer vierjährigen Tochter und gläubige Muslima, die auf einen transkonfessionellen Wissens- und Erfahrungsschatz zurückgreifen kann. „Ich habe mir alle Religionen angesehen, weil ich Religion verstehen wollte und jedem Glauben gegenüber offen auftreten möchte“, sagt die 27-Jährige. Ihre Haltung und ihr persönlicher Werdegang seien sehr hilfreich bei der Arbeit als Bildungskoordinatorin, die im Rahmen eines Maßnahmenpakets zur Integration von Flüchtlingen vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert wird. Ziel sei es, dass deutschlandweit regionale Koordinierungsstellen für alle Bildungsfragen, die Neuzugewanderte betreffen, aufgebaut werden.

„Politikberatung, Transparenz, Koordinierung und Vernetzung“, zählt Sharif-Ali auf, „sind zentrale Aufgaben der Koordinierungsstellen.“ Auf die Region runtergebrochen beleuchte sie die individuellen Bedarfe wie etwa bei der Zielgruppe geflüchteter Frauen und entwickele neue Ideen oder Konzepte, wie beispielsweise einen Bildungspass oder eine Veranstaltungsreihe zur Aufklärungs- und Bildungsarbeit. „Integration ist aber so viel mehr als Sprache, Bildung und Arbeit“, weiß Sharif-Ali aus eigener Erfahrung. „Integration bedeutet Sozialisation und aktive gesellschaftliche Teilhabe: seine Nachbarn zu kennen, in einen Verein zu gehen, Freizeit- und Kulturangebote zu nutzen und sich sozial oder politisch zu engagieren.“

Mit Voreingenommenheit und Berührungsängsten habe sie selbst immer mal wieder zu tun. „Ich weiß, dass mehr Offenheit und Akzeptanz in der Gesellschaft viel Zeit, Geduld und Ausdauer erfordern.“ Dass sie einen langen Atem hat und für ihre Arbeit brennt, daran lässt sie keinen Zweifel. „Für mich ist es mehr als sinnvoll, diesen Prozess in meiner Kommune zu unterstützen. Ich kann die Welt vor meiner Haustür bewegen und das macht mich glücklich.“ +++